Rezension

Archive

The False Foundation


Highlights: Bright Lights // Splinters
Genre: Pop // Elektro // TripHop
Sounds Like: Massive Attack // Depeche Mode // Moby // Soulwax

VÖ: 07.10.2016

Mittlerweile können Archive auf eine reichhaltige Historie zurückblicken. Neun Alben, davon ein halbes Dutzend Highlights, zwanzig Jahre Band- beziehungsweise Kollektivgeschichte, unzählige Touren. Im Grunde wissen sie, was zu tun ist: Album Nummer zehn mit dem üblichen Stil aufeinandergeschichteter Keyboardsounds und Gitarrenriffs vollpacken, dazu meist emotional-melancholischen Gesang, der als Gegenstück zum kalten Elektro agiert und fertig ist ein Album, das wiederum für Begeisterung sorgen kann. In nicht so guten Momenten verkopften sie sich zu sehr darin, Soundtracks zu schreiben oder sind schlichtweg zu langweilig, aber bislang wurde jedes Album – bis auf "Axiom" – dann doch wieder durch starke Einzelsongs herausgerissen.

„The False Foundation“ verfolgt dieses Rezept und doch geht es dieses Mal nicht auf, was verwundert, denn im Grunde ist wirklich alles wie immer und doch fehlt so einiges. Zunächst das Auffälligste: Die Frauen fehlen. Machte sich Langzeitsängerin Maria Q (immerhin seit Mitte der 1990er Jahre dabei) schon auf „Restriction“ sehr rar, fehlt sie dieses Mal genau wie Holly Martin. Zentral ist daher vor allem der Gesang Dave Pens, der vor einigen Wochen mit seinem Nebenprojekt Birdpen ein eher mäßiges politisch angehauchtes Album herausbrachte. „The False Foundation“ ist ebenso von einigem textlichen Gewicht, die Ereignisse in Großbritannien scheint das Kollektiv sehr beeinflusst zu haben.

Was ebenso fehlt, ist die Abstimmung. Waren die Veröffentlichungen manchmal ganze Konzepte, die in einem Guss gehört werden konnten, so existiert dieses auf „The False Foundation“ nur im Kontext. Dies betrifft sogar die technische Hörbarkeit – der Opener „Blue Faces“ ist so dermaßen leise, dass man bis zum Anschlag aufdrehen muss, um überhaupt etwas von der Ballade wahrzunehmen, nur um kurz später deutlich nach unten zu regulieren, da einem sonst die Ohren wegfliegen. Erstmal in „Driving In Nails“ und „The Pull Out“ eingestreut und mit dem unsäglichen „Stay Tribal“ am Ende auf die Spitze getrieben: 1980er-Jahre-Synthiepop im Stile der ganz frühen Depeche Mode. Von diesen Ärgernissen gibt es einige auf „The False Foundation“.

Knapp eine Stunde dauert „The False Foundation“ und ungefähr ab der Halbzeit merkt man, dass noch etwas fehlt: Gitarren. Zusammen mit einem markanten Schlagzeugspiel das Element, welches Archive trotz aller Elektronik zu einer Rockband machte. „Ride In Quares“, „Ruination“ zuletzt oder das unfassbar großartige „Lights“ – sie alle lebten vom Zusammenspiel der Elemente. Nimmt man diese raus, bleiben zwei Arten typischer Archivesongs: Balladen wie „Bright Lights“, „A Thousand Thoughts“, „Sell Out“ und „Blue Faces“, die einzeln schön anzuhören sind, in Masse jedoch langweilen. Zweitens: der Rest. Synthiegeplucker auf 80er-Low-Fi-Niveau. Komplett zum Wegskippen. Man könnte diese Sounds als Entwicklung ansehen, allerdings ist es keine Entwicklung, aus den bisherigen Ideen etwas wiederzukäuen und alle spannenden Elemente auszusieben. So ist "The False Foundation" eine Mangelverwaltung, der es an allem fehlt, was das Kollektiv über viele Jahre ausgemacht hat.

Klaus Porst

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"The False Foundation"

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