Rezension

...And You Will Know Us By The Trail Of Dead

The Century of Self


Highlights: Isis Unveiled // Bells Of Creation // Fields Of Coal // Insatiable Two
Genre: Art-Rock // Noiserock
Sounds Like: The Paper Chase // Shellac // dEUS

VÖ: 20.02.2009

Zu Beginn dieser Rezension muss zuerst einmal zwischen euch, liebe Leser, ein Querschnitt gemacht werden. Denn manche von euch werden sich, auch ohne diesen Text gelesen zu haben, bei der Ankündigung eines neuen Albums von ....And You Will Know Us By The Trail Of Dead an die Qualität von Alben wie "Source Tags & Codes" und "Worlds Apart" erinnert und sich folglich das Veröffentlichungsdatum von "The Century Of Self" dick im Kalender angemarkert haben, in der - soviel sei hier schon gesagt: berechtigten - Erwartung, bereits Ende Februar mindestens eins der drei besten Alben des Jahres erwerben zu können. Dieser Anteil der Leser braucht diese Rezension nicht als Konsumtip, sondern nur als Lobhudelei eines kleinen Musikjournalisten auf seine Lieblingsband, die zustimmend abgenickt werden kann. Der andere Teil von euch mag aufgrund des schwächeren "So Divided" mit niedrigerer Erwartungshaltung an das sechste Album der Texaner herangegangen sein, zuviel Zeit mit dem Hören schlechterer - sprich: anderer - Bands verbracht oder einfach noch nie etwas von ...Trail Of Dead gehört haben. Für euch ist diese Rezension.

Was jedoch zunächst einmal geklärt werden muss: "So Divided" war natürlich kein schlechtes Album, es war sogar ein ziemlich gutes. Aber ebenso, wie lauwarmes Wasser eiskalt zu sein scheint, wenn man die Flossen vorher in heißem Wasser hatte, wirkte auch "So Divided" vergleichsweise weichgespült und daher enttäuschend, wenn man zuvor den Rock-Meilenstein "Source Tags & Codes" oder das kunstvolle "Worlds Apart" gehört hatte. Dass sich Trail Of Dead auf "The Century Of Self" jedoch wieder an diesen Werken und nicht am direkten Vorgänger orientieren würden, ließen schon erste Songs erkennen, die in Form der "Festival Thyme"-EP und einzelner weiterer musikalischer Hors d’œuvres ausgeteilt wurden: Teils wütende Brecher wie "Ascending", teils beinahe postrockähnliche Strukturen wie in "Inland Sea", teils bandtypische Songmonster wie „Bells Of Creation“.

Und, um es mit einer Wendung aus dem anglistischen Sprachraum zu sagen: Die Schecks, die die Vorabsongs geschrieben haben, kann das Album nicht nur decken, sondern gleich noch ’nen Haufen Kohle draufstapeln. Das dröhnende „Giants Causeway“ (in längerer Fassung als „The Betrayal Of Roger Casement And The Irish Brigade“ bereits von der „Festival-Thyme“-EP bekannt) leitet nahtlos in „Far Pavillions“ über, das dem AYWKUBTTOD-affinen Hörer mal wieder zwei Fakten vor Gesicht führt. Erstens: Eine stilechte Trail-Of-Dead-Ausgabe des Rockband-Videospiels bräuchte mindestens zwei Schlagzeugcontroller, um die Wucht, mit der diese Band Becken und Felle bearbeitet, vernünftig repräsentieren zu können. Und zweitens: Immer, wenn ein Song der Texaner ein Ende gefunden zu haben scheint und man ihn mit einem simplen „Yap, sehr gut“ abhaken möchte, nimmt das Ding unglaublich oft noch eine überraschende Wendung, die das Qualitätsmessgerät geradezu explodieren lässt. So zu hören in „Far Pavillions“ und in Ansätzen auch in „Isis Unveiled“: Was als wild umher wütendes Biest von einem Song beginnt, kommt bloß scheinbar nach und nach beinahe komplett zur Ruhe, nur um zum Schluss wieder zur anfänglichen Energie zurückzukehren. Ähnlich mitreißend auch "Halcyon Days" mit seinem hymnischen Piano-Chor-Interlude und "Fields Of Coal" mit seiner plötzlichen Handclaps-Eruption - Subjektivität ist eine Sache, aber der Rezensent ist sich ziemlich sicher, dass Lieder wie diese der Grund dafür sind, dass der liebe Gott das Menschengeschlecht einst mit der Gabe des Musizierens ausgestattet hat.

Zum Abschluss jedoch mit "Insatiable" noch der doppelte Beweis, dass Trail Of Dead auch anders können: Sowohl Part I als auch Part II - der Schlusstrack des Albums - klingen vorrangig, als hätte die Band versucht, gleichzeitig Klavierballaden vom Schlag eines "Summer Of '91" zu schreiben und Yann Tiersen zu covern; Part II jedoch verlässt gegen Ende - mal wieder - dieses Korsett und ufert in einem Finale, das Assoziationen zu "Where Is My Mind?" weckt. Ein krönender Abschluss für ein Album, das von jedem, der CDs nicht vorrangig als Bierdeckel benutzt, erworben werden sollte, und wenn die 15 Euro Ausgaben im Extremfall bedeuten, dass man einfach mal zwei Tage nichts essen kann. Aber das weiß die in der Einleitung dieser Rezension erwähnte Gruppe 1 sowieso schon. An die andere Gruppe: Und ab dafür!

Jan Martens

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