Interview

Editors


Tiefsinnige Fragen und Herumgealber wechselten sich ab in unserem Interview mit den Editors. Sie erzählten uns unter anderem, was sie am meisten in ihrem Leben als Musiker bereuen. Ed (s. Foto, mitte) sprach mit uns über den Weggang von Chris aus der Band und wie er darüber empfindet und Justin (s. Foto, rechts) erzählte uns nebenbei, dass er für die Gründung von Erased Tapes mitverantwortlich ist. Alles weitere, zum Beispiel über die Theorie des Multiversums, erfahrt ihr in unserem Interview.

Die Editors haben schon einige Male in ihrer Karriere in Bielefeld gespielt. Dieses Mal haben wir sie dort zum Interview getroffen. Dabei waren Ed (Drums), Gründungsmitglied der Band, und Justin (Bassist), der neben Elliot vor zwei Jahren neu zur Band dazu gekommen ist.

Ich würde gerne mit einer Frage beginnen, die gar nicht von mir stammt. Mein letzter Interviewpartner, William Fitzsimmons, hat sie in mein Interview-Buch geschrieben und ihr sollt sie nun beantworten. Sie lautet: "Was ist dein größtes Bedauern als Künstler?". Was bereut ihr also bisher am meisten in eurem Leben als Musiker?

Ed: Nun, das ist eine wirklich tiefgründige Frage, William! Puh! (Wird nachdenklich)

Justin: Dass ich nicht gelernt habe, Geige zu spielen.

Du könntest immer noch lernen, Geige zu spielen!

Justin: Ja, das könnte ich theoretisch. Aber meine Finger sind zu groß.

Ed: Justins größtes Bedauern ist, dass er keine kleineren Finger hat. Mein größtes Bedauern ist, dass ich keine größeren Finger habe! Irgendwas dazwischen würde also die perfekten Musikerfinger ausmachen (lacht).

Justin: Aber ich könnte Cello spielen lernen. Ich würde sehr gerne Cello spielen lernen. Wenn ich Cello spielen könnte, würde ich es auf jeden Fall in der Band spielen. Ich habe sogar schon eins zuhause! Ich muss nur noch mit dem Üben anfangen. Es gibt eine TV-Show aus den 80ern, "Airwolf", der Held der Serie ist Stringfellow Hawke, der coolste Bastard der Welt! Ich erinnere mich daran, dass er Cello in der Serie spielte. Ich liebe auch die Titelmelodie! Sie ist großartig! Ich könnte dir Ewigkeiten von der Serie erzählen! Google das! Schau sie dir an!

Das werde ich tun. Danke für den Tipp. Ed, was bedauerst du am meisten?

Ed: Also... das ist ziemlich tiefgehend, was ich dir jetzt erzähle. Ich habe noch nicht besonders oft darüber gesprochen. Aber es ist tatsächlich, nicht mehr mit unserem ehemaligen Gitarristen in Kontakt zu sein, schon seit zwei Jahren.

Genau das wollte ich dich eigentlich auch fragen, ob der Rest der Band noch mit Chris in Kontakt steht?

Ed: Nein, das tun wir nicht. Und ich bedauere es sehr. Sowohl als Musiker, als auch als Freunde haben wir nichts mehr miteinander zu tun. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, ihn mal wieder zu kontaktieren. Aber es scheint nie der richtige Zeitpunkt zu sein. Ich habe schon so lange nicht mehr mit ihm gesprochen, das macht es immer schwieriger, wieder den Schritt zu wagen. Aber das ist es tatsächlich, was ich am meisten bereue, in meiner ganzen Karriere. Traurig, nicht wahr?!

Ja, das ist es.

Justin: (lacht) Danke an William für diese tiefgründige Frage.

Klar, dass du, Justin, darüber nicht traurig bist, denn wenn Chris nicht weggegangen wäre, wärst du nun wahrscheinlich nicht in der Band...

Justin: Natürlich ist es eine traurige Situation. Die Jungs waren über zehn Jahre dickste Freunde. Wenn du so viel Zeit miteinander verbringst und du so eine tiefe Verbindung zueinander aufbaust, ist es natürlich hart, wenn es so kommt. Aber was Band-Angelegenheiten betrifft - nicht die persönlichen, sondern die musikalischen - gibt es immer wieder gute Gründe, sich weiter zu entwickeln. Wenn du zehn Jahre lang mit einem Menschen zusammenarbeitest und dann nicht mehr, ist es natürlich hart, als ob ein Teil von dir davon gerissen wird. Aber was die Band angeht: Ich kam nicht zur Band, um irgendjemanden zu ersetzen. Ich kam zur Band, um Gitarre zu spielen.

Ed: Das ist auch einer der Gründe, warum wir nicht nur ein neues Mitglied, sondern gleich zwei ausgewählt haben. Elliot kam ja auch neu dazu. Justin und er haben eine große Rolle bei der Produktion des neuen Albums gespielt. Wir mussten keine Person ersetzen, nicht Chris' Ideen oder Denkweise ausfüllen. Wir wollten die Band und unsere Musik verändern und das ist uns gelungen. Ich war noch nie so zufrieden mit unserer Musik und mit der Art und Weise, wie wir als Band agieren.


Ed links, Justin rechts // Photo Credit: Elisabeth Moch

Nun, ihr spielt ja jetzt seit einer Dekade als Band zusammen. Ihr habt zwar neue Mitglieder und entwickelt euch weiter, aber dennoch ist es die gleiche Band. Könnte es euch passieren, dass das irgendwann langweilig wird? Denkt ihr nie daran, mal etwas Anderes auszuprobieren, andere Projekte zu haben?

Ed: Nein, nicht wirklich! Justin hat schon in den verschiedensten Projekten gespielt, ich habe da im Moment überhaupt kein Interesse dran.

Justin: Ich glaube nicht, dass man sich jemals langweilen könnte bei den Editors! Ich meine, du machst eine neue Platte und du hast die Möglichkeit, sie so vielen Menschen vorzuspielen! Das ist großartig! Wenn es dich langweiligen würde, bei den Editors zu spielen, dann würde es dich langweilen, ein Mensch zu sein! Das ist meiner Meinung nach nicht möglich. Ich komme aus einem ganz anderen Hintergrund als die anderen, habe immer viele Projekte gleichzeitig gehabt. Nun dreht sich alles in meinem Leben um die Editors und ich bin glücklich damit.

In welchen anderen Musikprojekten warst du involviert?

Justin: Zu viele, um sie alle zu nennen. Zum Beispiel in einer sehr noise-lastigen Math-Rock-Band. Du hast garantiert noch nie von ihnen gehört. In Deutschland kannte uns niemand. (Anm. d. Red.: Die bekanntesten anderen Bands, in denen Justin wesentlich mitgewirkt hat, sind The British Expeditionary Force und yourcodenameis:milo). Und dann habe ich daran mitgearbeitet, ein Label namens Erased Tapes Records zu gründen, wir haben z.B. gerade Nils Frahm unter Vertrag.

Erased Tapes! Das ist ein großartiges Label!

Justin: Ja, es ist schon etwas bekannter geworden. Das so ein wenig zu meiner Geschichte im Musikgeschäft. Mit den Editors habe ich nochmals einen Neustart gewagt, auch was die Art von Musik angeht, die ich nun spiele. Aber es war ein positiver Wechsel.

Ihr seid ja in der aktuellen Editors-Formation noch nicht lange zusammen. Als die Band gegründet wurde, wurde ihr Name noch relativ häufig geändert. Zum Schluss hießt ihr eine ganze Zeit lang Snowfield, bevor ihr die Editors wurdet. Habt ihr nie mehr darüber nachgedacht, den Namen nochmals zu ändern?

Ed: Nein, dafür ist das alles zu weit fortgeschritten. Es wäre wirklich ein Rückschritt, nun den Namen zu ändern. Wir haben so lange über den Namen nachgedacht. Es gibt so viele furchtbare Namen im Musikgeschäft. Fleetwood Mac zum Beispiel, aber die Leute hören die Musik trotzdem. Der Name Editors passt einfach gut zu uns.

Justin: Das wäre ziemlich hip-hop-mäßig, seinen Namen zu ändern (lacht). Obwohl wir ja viel Hip Hop hören mit der Band. Wir hören Danger Doom, wir hören auch Sachen wie Portishead, obwohl das eher... Rotwein-Hip-Hop ist.

Was für ein netter Name für die Musik. Nun seid ihr an der Reihe. Könntet ihr euch eine Frage überlegen und in mein Interview-Buch schreiben?

Ed: Ok, wir schreiben eine gemeinsame Frage auf. Wollen wir etwas über Stringfellow Hawke schreiben? Obwohl, nein... lass uns etwas über Fußball schreiben. Ok: Welchen Torwart in der Premier League magst du am wenigsten? (lachen beide) Das wird aber nur unser Warm-Up sein.

Justin (überlegt lange, schreibt die Fragen auf).

Ed: Wir spielen nun schon zum dritten Mal in diesem Club in Bielefeld (Anm. d. Red.: Ringlokschuppen). Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass wir das erste Mal in einem anderen Club gespielt haben.

Ja, kann gut sein, dass das das Forum war. Bei ?clat gibts sogar einen Bericht über dieses Konzert.

Ed: Ich erinnere mich, dass die Location ziemlich dreckig war. Mit schwarzen Wänden, an denen überall Poster hingen. Ich erinnere mich gut daran, weil ich gesehen habe, dass die Deftones am Tag vor uns dort gespielt haben. Das fand ich aufregend.

Hast du sie mal getroffen?

Ed: Ja, das hab ich, einige Male, auf Festivals zum Beispiel. Nach einigen Jahren ergab sich eine Freundschaft aus unseren Treffen. So war es ziemlich hart für mich, als der Bassist, Chi Cheng, starb. Er hatte einen Autounfall, danach ist er ins Koma gefallen. Er war für etwa fünf Jahre im Koma und dann ist er letztes Jahr gestorben. Er war ein wirklich netter Typ. Mensch, das ist ein trauriges Interview für mich! (lacht verlegen)

Es tut mir leid, dass es dich so aufwühlt.

Justin: Ehm, ich habe die Fragen fertig notiert.

Vielen Dank. Kannst du sie nochmal vorlesen und könnt ihr sie dann beantworten?

Justin: Also, die erste... wer ist der unbeliebteste Tormann in der Premiere League für uns, Ed? Ich glaube, es ist Simon Mignolet. Er ist ein furchtbarer Torwart.

Ed: Ja, ich stimme dir zu. Aber Justin, das ist wirklich eine alberne Frage!

Justin: Ok, wir haben ja noch Part B: Im Konzept des "Multiversums" erlebst du gerade ein mögliches Leben in einer Unendlichkeit möglicher paralleler Leben. In welchem anderen Leben würdest du lieber leben?

Ed: Das ist eine echt schräge Frage, Justin...

Justin: Ej, das ist ja wohl eine tiefgründige Frage, du wolltest doch auch so eine tiefgründige Frage...

Ed: Naja, Sci-Fi-tiefgründig.


Ed links, Justin rechts // Photo Credit: Elisabeth Moch

Könntest du mir die Frage beantworten, Justin?

Justin: Naja, das muss jeder immer für sich selbst entscheiden. Ich könnte jetzt zum Beispiel sagen, dass ich lieber an deiner Stelle sitzen würde und du hier.

Du würdest also lieber statt mir das Interview führen? (lache)

Ed: Jetzt wird er auch noch unhöflich (lacht).

Justin: Nein, so war das nicht gemeint... ich weiß nicht... ich hätte statt des blauen Stifts eine andere Farbe gewählt haben können, so etwas ganz Einfaches.

Aber du hättest doch unendlich viele andere Möglichkeiten, du könntest doch auch an einem ganz anderen Ort sein, oder? Ich könnte mich zum Beispiel auf eine sonnige Insel wünschen, oder sonstwohin. Hab ich das richtig verstanden?

Justin: Ja. Das stimmt. Das muss jeder für sich selbst beantworten.

Eine gute, tiefgründige Frage (alle lachen)! Ich wollte es eben nicht verraten, aber nachdem du die Frage aufgeschrieben hast, erzähle ich es. Das nächste Interview wird höchstwahrscheinlich mit Joan As Police Woman sein.

Justin: Oh, cool! Sie wird diese Frage lieben!

Ed: Ja, das wird sie! Die Frage mag erstmal wahllos erscheinen... aber ich sag's dir... sie ist kosmisch! (lacht)

Schön, das hoffe ich! Justin, ich würde mich freuen, wenn ich dich irgendwann bei den Editors Cello spielen höre und Ed, ich wünsche dir viel Erfolg beim Kontaktieren von Chris!

Ed: Ja, danke. Diese Dinge könnten geschehen... in einem parallelen Universum, irgendwo im Multiversum! (alle lachen)

Justin: Ja! Im Multiversum ist alles möglich!

Marlena Julia Dorniak

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