Rezension

Editors

The Back Room


Highlights: Munich // Camera // All Sparks // Fall
Genre: Indie // New Wave
Sounds Like: Interpol // The Departure // The Bravery // Joy Division

VÖ: 18.07.2005

Neulich meinte jemand auf einem Konzert: „Warum machen Joy Divison eigentlich keine Reunion mit Paul Banks von Interpol am Mikro?“ Die Antwort lautet: Weil es noch Tom Smith und die Editors gibt. Diese schicken sich nun nämlich an den Thron der Joy Divison Erben von Interpol streitig zu machen. Ja, man könnte es schon fast als dreist bezeichnen, wie sehr die Editors den vier Dressmen aus New York gleichen. Das fängt bei den frappierend ähnlichen Stimmen der beiden Sänger an, geht über die selben Gitarrenlinien weiter und endet schließlich in der gemeinsamen Affinität zur unterkühlten und düsteren Atmosphäre. Ein gefundenes Fressen also für Kritiker, die den Editors Etikettenschwindel vorwerfen wollen.

Die beste Waffe um verisssüchtigen Zeitgeistern den Wind aus den Segeln zu nehmen sind seit jeher schlicht und ergreifend gute Songs. Das haben auch die vier Männer aus dem Industriemoloch Birmingham erkannt und servieren bereits ein halbes Dutzend davon auf ihrem Debütalbum. Den Anfang macht das herrliche „Lights“. Klirrende Gitarren bilden das Grundgerüst um dann in einem tosenden Refrain zu explodieren. Tom Smith singt dazu „Well I've got a million things to say” und gerne möchten wir das glauben und ihm weiter Gehör schenken. So entführt er uns nach „Munich, wo es überall funkelt, glitzert und eindeutig nach Ohrwurm und Hit riecht. Zackig geht’s weiter mit dem super tanzbaren „Blood“. Hier werden zum ersten Mal auch dezent elektronische Lautmalereien in den Song eingefügt, die das Klangbild perfekt ergänzen. Der nächste Höhepunkt folgt gleich im Anschluss mit der wunderbaren Ballade „Fall“, die zuerst etwas vor sich hinplätschert, um sich dann am Ende zu entfalten. Nicht minder mitreissend das atemberaubende „Camera“. Nur duch eine simple Gitarrenfigur begleitet leidet sich Tom Smith in die letzte und so passende Zeile: „I just close my eyes as you walk“. Das sich auch „All Sparks“ als todessicherer Hitgarant erweist fällt schon beim ersten Hören auf, während man sich beim Mitsingen und Mitswingen ertappt.

Dann ergreift „The Back Room“ leider das „Hot Fuss“- Syndrom. Will heißen: Die zweite Albumhälfte spielt nicht in der Premier League, sondern eher in der 2nd Division. Was man sich dabei gedacht haben mag mit „Fingers In The Factories“, „Bullets“ und „Someone Says“ gleich drei Songs mit völlig identischem Aufbau und gleicher Struktur hintereinander auf das Album zu packen? Das wird wohl für immer ein Rätsel sein. Fakt ist aber, dass weder das viel zu lange „Open Your Eyes“, noch das belanglose „Distance“ die Scharte im weiteren Verlauf auswetzen können.

So lebt „The Back Room“ weitestgehend von der ersten Albumhälfte, die sicherlich über jeden Zweifel erhaben ist, durch die restlichen Ausfälle aber einen schalen Beigeschmack erhält. Bleibt also die Erkenntnis, dass Interpol es sich weiterhin ganz oben bequem machen dürfen, denn an deren Tiefe und Emotionalität kommen die Editors (noch) nicht vollständig heran.

Benjamin Köhler

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