Konzertbericht

Editors


Also wieder einmal ein Konzert in der Stadt, die es eigentlich gar nicht gibt (an alle Unwissenden: Sucht mal im Online-Lexikon mit dem W nach "Bielefeld"). Konzerte dort haben meist etwas Unwirkliches an sich. Auf der Hinfahrt fragt man sich, ob man gerade träumt, auf der Rückfahrt, ob man gerade aufgewacht ist. Alles bloß Einbildung? Vielleicht:

An jenem Dienstag, als die Editors ihr Konzert im Forum spielen sollten (oder was wir uns zumindest einbildeten), schien das Wetter sich der Musik anzupassen und nicht umgekehrt. Trüb, regnerisch, neblig. Auf der Fahrt machten wir einmal mehr die Erfahrung, dass man an der richtigen Straße in einer fremden Stadt (falls denn Bielefeld nun wirklich eine ist) mindestens einmal vorbeigefahren sein muss, bevor man feststellt, dass man dort abzubiegen hat. So lernt es sich immerhin wie man hübsche U-Turns fährt. Doch vom Autofahren zurück zur Musik, obwohl die beim Fahren natürlich auch nicht fehlt, sondern sogar noch von uns stimmlich untermalt wurde. Vorgruppe an diesem Abend sind "Brakes" und es entwickelt sich zu unserem persönlichen Runninggag, sie für eine "The Rakes"-Coverband zu halten. Höhepunkt der Aktion: Wir fragen am Merchandise-Stand nach, ob dieser Umstand der Wahrheit entspricht und amüsieren so zumindest die Band, denn die vermeintlichen Verkäufer entpuppen sich als BRAKES themselves.

Später auf der Bühne: Trotz aller Bitten gab es kein "Strassbourg", dafür eine Menge anderer, ähnlich knackiger Songs, teils rockig, teils folkig, die größtenteils durch ihre Kürze überraschen. Start, einmal kurz Geschrammel, vorbei. Aber die Brakes, deren Mitglieder sich aus diversen anderen britischen Bands zusammensetzen (Electric Soft Parade, The Tenderfoot, British Sea Power, The Rakes...Nein, die letzteren sind nur ein Scherz) machen Spaß. In der Umbaupause drängeln wir uns nach vorne und während des ewig langen Soundchecks haben wir Zeit, uns mit einem riesigen Haufen herumwuselnder englischer Teenies, vermutlich eine Austauschgruppe, inklusive Digicams und Fotohandys, anzufreunden.

"Lights" macht den Einstieg, wunderbar melancholisch. Tom Smith ist stimmlich voll auf der Höhe und trotz des eher düsteren Sounds der Briten wirkt er amüsiert bis albern und veranstaltet lustige Dinge mit seiner Gitarre. Sein Bassist sieht eigentlich aus, als würde er gar nicht zur Band gehören, nicht zuletzt deshalb, weil er sich während des gesamten Konzertes ein wenig abseits hinter dem Keyboard versteckt. Die Augen von Gitarrist Chris Urbanowicz wandern stets leicht panisch über die Menge, vermutlich haben nicht nur wir Angst vor den Teenies. Diese brüllen leider bei jeder sich bietenden Gelegenheit "Munich", so dass der Song, den man eigentlich als letzte Zugabe erwartet und wohl auch erhofft hatte, leider viel zu früh gespielt wird. Zum ersten und einzigen Mal an diesem Abend gerät die Menge wirklich in Bewegung. Schade, eigentlich haben die Editors mehr verdient als ein Publikum, dass nur den Hit kennt und sich auch nur darüber freut, denn der Auftritt ist wirklich mehr als nett. Mit hingebungsvoller Spielfreude widmet man sich den Songs des Debütalbums plus drei B-Seiten, meist kommen die Lieder in frischem Outfit daher. Was sich jedoch derjenige gedacht hat, der das Keyboard so platziert hat, dass Smith zwischenzeitlich mit dem Rücken zum Publikum sitzt, ist mehr als fraglich. "Blood" als zweiter Song ist perfekt gewählt, "Camera" wird live so beängstigend schön und sphärisch, dass man den Augenblick gerne in ein Glas setzen möchte, um ihn bei Gelegenheit betrachten zu können und "Bullets" besticht wie schon im Vorfeld zu erwarten durch den mitreißenden Refrain.

Wie sich herausstellt, war es für mich persönlich nicht unbedingt negativ, dass "Munich" so früh "verbraten" wurde, denn so bekomme ich meinen Liebling "Fingers in the factories" als Abschluss serviert. Vielleicht ist ja auch nur meine Drohung "Wenn ihr den Song nicht spielt, schreibe ich einen Verriss." oben auf der Bühne angekommen. Abschließend haben wir noch das Vergnügen, die Kiddies dabei zu beobachten, wie sie sich fast um die Playlists prügeln und verlassen so schnell wie möglich den Ort des Geschehens. Fazit: Tolle Band, doofes Publikum.

Lisa Krichel

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