Rezension

Nada Surf

Lucky


Highlights: See These Bones // Whose Authority // The Film Did Not Go Round
Genre: Indie-Pop
Sounds Like: Death Cab For Cutie // Youth Group // Stars // The Weakerthans

VÖ: 01.02.2008

Was ist Schönheit? Fragen wir mal Wikipedia, den heimlichen Schöpfer mindestens zwei Drittel aller Schul- und Uni-Referate. Dort heißt es: „Schönheit ist ein abstrakter Begriff, der stark mit allen Aspekten menschlichen Daseins verbunden ist. Mit der Bedeutung dieses Begriffes beschäftigt sich hauptsächlich die philosophische Disziplin der Ästhetik.“ Man verspürt schon ein leichtes Zucken in der Maus-Hand, denn wie gerne würde man auf den „diesen Artikel bearbeiten“-Link klicken und der Definition noch Folgendes hinzufügen: 2.) „Your Legs Grow“ von Nada Surf. Jenes Meisterwerk, das seiner Zeit den Vorgänger „The Weight Is A Gift“ so auszeichnete, obwohl die Highlights dieses Albums spärlicher gesät waren als noch auf „Let Go“. Dennoch verstanden es Nada Surf, sich dadurch stets im Gedächtnis des Hörers zu halten.

Auf dieser Grundlage fallen Zugang und Einstieg zu „Lucky“ dann auch entsprechend leicht, wobei „See These Bones“, seines Zeichens „Always Love“ reloaded plus Streicher und Melancholie, sich mit seinem hohen Deja-Vu-Faktor dafür natürlich geradezu aufdrängt. Es ist alles immer noch da, die Konstanten, beispielsweise in Form von Matthew Caws’ sanfter Stimme und natürlich auch dieses einzigartige Gespür für wunderbare Melodien, das Nada Surf seit jeher so auszeichnete und zusammen mit Death Cab For Cutie in den Olymp des US-Indiepop des neuen Jahrtausends erhob. Weil innerhalb dieser Indie-Allstar-Liga kein Konkurrenzdenken herrscht, kann man durchaus auch mal miteinander kooperieren. Fußballmannschaften leihen sich ja schließlich auch gegenseitig Spieler aus. Und so wirken auf „Lucky“ illustre Namen wie etwa Ben Gibbard von den eben angesprochenen Death Cab For Cutie, Martin Wenk von Calexico und Ed Harcourt mit.

Man möchte meinen, mehr erfrischende Akzente wären die logische Folge. In Wirklichkeit aber fallen die Features beim Hören kaum auf, mit Ausnahme des Trompetenspiels von Martin Wenk, der seine Künste aber leider nur am Ende von „Ice On The Wing“ zeigen darf. Dabei hätten mehr Ecken und Kanten dem Album so gut getan! So ist „Lucky“ ein bisschen zu sehr aus einem Guss geraten und wirkt irgendwie, als wäre man beim Abmischen noch mal mit dem musikalischen Glätteisen drübergefahren. Dementsprechend sind die Emotionen, die sich beim Genuss dieses Albums einstellen, dann auch gemischt. Der Sinn für Schönheit und Melancholie liefert sich streckenweise ein Gefecht mit der Monotonie, und vielerorts ist nicht klar, was von beiden denn nun mit dem Privileg, sich im Gehör verankern zu dürfen, als Sieger hervorgeht.

Insbesondere im Balladensegment („Are You Lightning“) offenbaren sich so Schwächen, und man ist geneigt, die Skip-Taste zu betätigen. Denn, und da können die Lyrics noch so poetisch sein, sich fünfeinhalb Minuten lang nahezu das Selbe anhören, möchte man vielleicht im Postrock- oder Minimal-Techno-Bereich, aber im Indiepop dann doch eher nicht. Zum Glück geht es aber auch anders. „Whose Authority“ beispielsweise kommt an den Hymnenstatus zumindest nahe heran, und die Melodien zünden, im Gegensatz zu obigem Beispiel, auch wieder. Und da wäre ja auch noch der Schlusstrack! „The Film Did Not Go Round“, ein wunderbares Duett zwischen Matthew Caws und einer unbekannten Dame namens Lianne Smith, mit dem Nada Surf wohl doch wieder das nicht für möglich geglaubte schaffen: „Lucky“ durchweg positiv in Erinnerung zu halten. Weil auch der letzte, und nicht der erste Eindruck manchmal zählt.

Johannes Neuhauser

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