Rezension

Nada Surf

The Weight Is A Gift


Highlights: Concrete Bed // Always Love // All Is A Game // Blankest Year
Genre: Diabetes innocens // Pop
Sounds Like: Jellyfish // Teletubbies // Fountains Of Wayne // Ronald McDonald

VÖ: 05.09.2005

Bei Risiken und Nebenwirkungen fressen Sie die CD-Hülle und schlagen Sie ihren Plattenverkäufer. Was anderes kann man echt nicht machen, wenn man Probleme mit dieser Platte bekommt. Nada Surf sind jedenfalls die Glücksbärchis, die uns Kindern mit den Erwachsenenstimmen zeigen, wie das mit dem Happysein geht. Ehrlich. Es wurde lange gemunkelt und ich habe es schon immer irgendwie gewusst: Melodie und Harmonie gehören zusammen wie siamesische Zwillinge. Das wissen diese Honigkuchenpferde auch. Der Basser hat sogar so gute Vibes, dass er Rastas trägt. Noch Fragen? Sunshine statt anschrein lautet die Antwort.

Auf „The Weight Is A Gift“ ist nicht nur ein Wurm drin, nein, elf sind es an der Zahl, die sich in die Ohren Bohren und da fröhlich Fortpflanzung betreiben. Am Ende kommt man sich fast vor, als hätte man einen ganzen Tag im Wollpullover mit viel Honigmilch, Schokokuchen und Zitronendrops verbracht. Im Spätsommer bei 30°. Den Schweiß denken wir uns einfach mal weg. Nada Surf machen irgendwie nicht mehr da weiter, wo sie aufgehört haben. Klar, „ Let Go“ war auch so ein ofenfrisches Frau Holle-Brot, aber irgendwie gab es diese melancholischen und tiefsinnigen Zwischen- und Untertöne. Das aktuelle Gebäck versucht das nichtmal ansatzweise. Es geht um Aufstehen, auf einander zugehen, mit einander reden und sich super gut verstehen. Dass das nicht immer leicht ist, wissen Nada Surf ja, darum geht es doch gar nicht. Das Ding ist: Wie kann man denn bitte auch nur den Hauch von Sonne auf sich einwirken lassen (das will die Platte ganz sicher), wenn man in einem Bottich voll Öl schwimmt (was der Band zu verdanken ist). Die Platte sozusagen als der Feind ihrer Erschaffer. Die Pro-These zu Mary Shelleys Frankenstein.

Dass hier aber nicht wie in der Originalgeschichte gemordet, geschlitzt, geblutet und gelitten wird, dürfte mittlerweile klar sein. Ich wiederhole es ungerne, aber Black Metal ist das nicht. Für Zweifler: „To find someone you love / You gotta be someone you love„. Solche Zeilen werden im Schattenreich nicht geschrieben. Nada Surf walken on sunshine. Statt anschrein. Das einzig Böse an der Platte: „Oh, fuck it / I'm gonna have a party". Wahrlich. Heavy. Ich bitte alle Jugendlichen, die auf ein Nada Surf-Konzert wollten und von ihren Eltern nicht gelassen wurden, an mich eine Email zu schreiben.

Aber was red ich denn. Nada Surf haben eine schöne Platte abgeliefert. Nur ist es vielleicht wirklich nicht jedermanns Geschmack, wenn man hören muss, wie jemand anscheinend keine anderen Probleme hat, als seine Haare, oder die Partyplanung für das Wochenende. Irgendwie haben die Jungs nicht viel von der Welt gesehen, sind einfach naiv oder haben keine Lust auf dunkle Töne und widmen sich somit absichtlich den belanglosen, aber schönen Dingen des Lebens, da es sowieso viel zuviel Sauron da draußen gibt. Oh du holdes Auenland. Das geht mir nicht so leicht über die Lippen. Jedenfalls hätten auf die ein oder andere tolle Melodie knackige Lyrics schon gut gepasst. Eine kleinwenig schroffere Produktion hätte ihr Übriges zu einem feinen Indierockalbum getan. Aber so: Keine Ecken, keine Kanten, einfach nur Spießbürgertum par excellence. Das klingt jetzt wieder so missgelaunt von mir, ich weiß, ebenfalls weiß ich, dass ich die Scheibe so unfair behandle. Das ist schon irgendwie alles okay was ich da höre, ehrlich. Und verdient durchaus seine Fans. Vielleicht habe ich auch einfach Bedenken, weil in meiner Familie die Veranlagung zu Diabetes besteht. Das ist dann aber mein Problem und nicht das von Nada Surf. Aber dennoch eine Bitte, lieber Produzent: Schenk den bereits oben erwähnten Zitronendrops doch etwas mehr Säure beim nächsten Mal. Dann könnten wir „Imaginary Friends“ werden. Obwohl: Von zuviel Süßkram wird man dick!? Und wenn schon: The Weight Is A Gift. Nada Surf sollten die McDonald's-Theme schreiben.

Konstantin Kasakov

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