Interview

Nada Surf


Mal ehrlich, kann sich noch jemand an eine Zeit des Indie-Pop/Rock ohne Nada Surf erinnern? Wahrscheinlich nicht, ist schließlich auch schon 20 Jahre her. Grund genug für uns, mit Sänger und Hauptsongwriter Matthew Caws mal die zwei Jahrzehnte Nada Surf Revue passieren zu lassen.

Ihr feiert dieses Jahr euer 20jähriges Jubiläum. Nicht mehr viele Bands erreichen diesen Meilenstein heutzutage. Wie habt ihr 20 Jahre im Haifischbecken Musikindustrie überlebt?

Matthew Caws: Ich glaube, da war schon viel Glück dabei. Auch dass wir alle ein wenig älter waren, als wir angefangen haben, war wichtig. Als es nämlich zu Beginn nach zwei, drei Jahren schlechter lief, waren wir reif genug, um uns das nicht allzu sehr zu Herzen zu nehmen. Wir hatten immer das Gefühl, dass letztendlich alles wieder gut werden würde. Wenn wir jünger gewesen wären, hätten wir daran viel mehr zu knabbern gehabt. Und schließlich sind wir ja auch noch alle richtige Freunde und haben so loyale Fans, wie man es sich nur wünschen kann. Das hat auf jeden Fall sehr geholfen!

Gab es denn bei dir nie Situationen, in denen du gesagt hast: "Scheiß drauf, ich mach was anderes!"?

Matthew: Das sollte man eigentlich glauben, aber das ist nie passiert! Natürlich ist das Tourleben für mich nicht immer so einfach. Ich habe ein Kind und will eigentlich so viel Zeit wie möglich mit meinem Sohn verbringen. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich deswegen meinen Beruf in Frage stellen würde. Wenn ich kein Kind hätte, wäre ich ohne Pause auf Tour.

Habt ihr denn noch andere Kompromisse in eurer Karriere machen müssen oder war alles von Anfang an euer ganz eigenes Ding?

Matthew: Der einzige Kompromiss, den wir je eingegangen sind, war bei unserem zweiten Album "The Proximity Effect". Unser damaliges Label forderte uns dazu auf, ähnliche Hits wie "Popular" zu schreiben und ließ uns ein Cover von "Why Are You So Mean to Me?" (im Original von Vitreous Humor) einspielen, was dann auch erste Single werden sollte. Wir haben das dann aber nach genauerer Überlegung verweigert, worauf uns Elektra fallen ließ. Danach gab es keine Kompromisse mehr, sondern nur noch unser Ding. Und mal ganz ehrlich: hätten wir jemals versucht, etwas anderes zu machen, was nicht zu uns passt, hätte das ganz schön scheiße geklungen, das ist mal sicher (lacht).

Du hast es ja schon angesprochen, ihr seid dicke Freunde untereinander in der Band. Ich denke, ohne diese ganz besonderen Personen hält man es wahrscheinlich auch keine zwanzig Jahre zusammen aus. Was schätzt ihr denn gegenseitig an euch am meisten?

Matthew: Das sind einige Dinge. Daniel (Lorca – Bassist) kenne ich schon seit ich mit sechs Jahren mit ihm in eine Klasse gegangen bin. Er ist ein unglaublich experimentierfreudiger Musiker, der immer genau das macht, was man am wenigsten erwartet. Ich liebe diese Eigenschaft an ihm, er ist verrückt. Und Ira (Elliot – Drummer) ist einfach ein unglaublicher Live-Drummer, dessen Energie nie aufgebraucht scheint. Er ist auch ein Spaßvogel. So einen braucht man auf Tour! Und man braucht einen Daniel, der sich Gedanken macht, ob wir einen Extra-Koffer brauchen oder nicht (lacht). Wir sind alle total unterschiedlich. Schau uns nur mal auf der Bühne an, wir sehen aus wie die Village People (lacht). Und trotzdem funken wir alle auf der gleichen Wellenlänge und haben Respekt voreinander, auch wenn wir mal anderer Meinung sind. Ich denke, das ist das Wichtigste.

Seid ihr eigentlich jetzt zufrieden mit dem, was ihr erreicht habt oder muss da für dich noch mehr kommen?

Matthew: Beides. Ich bin total zufrieden mit dem, was wir zusammen auf die Beine gestellt haben und wo wir jetzt stehen. Aber es gibt immer noch ein paar Dinge, die ich auf jeden noch erreichen will. Es gibt da zum Beispiel das alte Beacon Theatre in New York, wo ich in meiner Kindheit all meine Helden live gesehen habe. The Kinks, R.E.M., Simple Minds ... 3000 Sitzplätze mit unglaublichem Ambiente. Wir haben leider noch nicht den Status erreicht, um da mal auftreten zu können. Aber das noch zu schaffen ... da würde sich für mich schon ein absoluter Kindheitstraum erfüllen. Hoffentlich klappt das noch.

Wenn du selbst einen einzigen Song eurer Band als deinen All-Time-Favoriten auswählen müsstest, welcher wäre das?

Matthew: (überlegt lange) Wir haben so wenig Kompromisse gemacht mit unserer Band, da leiere ich dir jetzt einfach mal zwei Favoriten raus (lacht). Das wäre einmal "See These Bones". Da gefallen mir die Gesangsharmonien einfach unglaublich gut. Die sind alle total unterschiedlich und passen trotzdem wunderbar zusammen. Ich bekomme da immer noch jedes Mal Gänsehaut, wenn wir den Song live spielen. Und dann sicherlich auch "80 Windows". Hier mag ich vor allen Dingen die Lyrics des Refrains. Es geht um den Zustand, neben einer Person im Bett zu liegen und sich ganz langsam von ihr zu lösen, wenn man in den Traumzustand eintaucht. Ich denke, die Umschreibung in den Lyrics greift dieses Bild sehr gut auf.

Was muss denn deiner Meinung nach passieren, damit Nada Surf sich eines Tages auflösen?

Matthew: Solange wir unsere Instrumente noch in den Händen halten können, wird es uns auch weiterhin geben. Ich kann mir absolut nicht vorstellen, dass wir von uns aus aufhören würden. Es wäre etwas anderes, wenn zu unseren Shows keine Zuschauer mehr kommen würden. Ich glaube nicht, dass ich die Energie dazu hätte, vor niemandem zu spielen.

Im Moment lebt ihr Drei ja tausende Kilometer entfernt voneinander. Ira ist nach wie vor in New York, Daniel schon seit Jahren in Spanien und du bist vor Kurzem nach England gezogen. Hast du nicht Angst, dass euer Teamwork dadurch negativ beeinflusst werden könnte?

Matthew: Ich glaube nicht, denn Daniel lebt jetzt schon seit elf Jahren in Spanien und ob ich dann nicht mehr in New York bin, spielt dann denke ich auch keine Rolle mehr. Trotzdem vermisse ich die Tage, an denen wir ohne Zeitdruck ins Studio gehen konnten und ganz entspannt die Songs aufgenommen haben. Da konnte auch mal ein, zwei Tage nix klappen und es war kein Problem. Jetzt lastet auf mir der Druck, bereits mit zwölf fertigen Songs im Studio anzukommen und alles in relativ kurzer Zeit aufzunehmen, weil wir ja alle wieder früher oder später zu unseren Familien zurück müssen und wir uns langes Herumhängen nicht leisten können. Das ist schon ein wenig hart, aber damit können wir umgehen.

Lass uns zum Schluss noch zu einer anderen Sache kommen. Ihr seid ja durchaus auch eine Band, die sich immer mal wieder zu politischen Themen äußert. Im Vorfeld der US-Wahlen habt ihr in einigen Interviews große Sorge gehabt, dass eventuell Mitt Romney die Wahl gewinnen könnte. Seid ihr jetzt erleichtert?

Matthew: Ich kann dir gar nicht sagen wie sehr. Wir können es immer noch nicht so recht glauben, dass doch noch alles gut geworden ist. Das Land ist ohnehin in extrem schlechter Verfassung momentan, da hätten vier Jahre Romney definitiv den Rest gegeben. Ich sage aber auch nicht, dass Obama jetzt der absolute Heilsbringer ist. Er hat in den ersten vier Jahren einiges von dem vermissen lassen, was er versprochen hatte. Vielleicht war aber auch einfach die Zeit zu kurz, um wirklich ganz viel zu bewegen. Es scheint jedenfalls, dass er jetzt endlich seine Macht nutzen will, um endlich die Dinge anzupacken, die schon lange im Argen liegen, anstatt es nur jedem Recht machen zu wollen. Man wird sehen, was dabei herauskommt.

Benjamin Köhler

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