Interview

Fleet Foxes


Wahrscheinlich der größte Newcomer des Jahres: die Fleet Foxes. Dieses mal spielten sie noch als eine der ersten Bands beim Haldern Pop Festival im Spiegelzelt. Nächstes mal vielleicht schon als Headliner? Gitarrist Skye Skjelset ist die ganze Sache noch nicht so geheuer und auch sonst gibt er einen alles andere als erfahrenen Gesprächspartner, der dadurch aber umso sympathischer wirkt.

In jedem Musikmagazin, welches ich die letzten paar Wochen gelesen habe, war euer Album "Platte des Monats". Nehmt ihr diese wachsende Aufmerksamkeit wahr?

Skye Skjelset: Bei uns in der Band gibt es manche, die diesen ganzen Pressekram lesen, aber ich interessiere mich eigentlich nicht so sehr dafür. Heute war eigentlich der erste Tag, an dem ich mal ein bisschen im Netz rumgesurft bin und was ich da so gelesen habe, war schon ziemlich krank. Es ist zwar toll zu lesen, dass alle unsere Platte so super finden, aber dieser ganze Rummel, der da plötzlich um uns gemacht wird, ist doch völlig überzogen. Wir machen auch nichts anderes als Songs aufnehmen. So wie jede Band.

Würdest du denn euer Album auch zur "Platte des Monats" wählen, wenn du der Kritiker wärst?

Skye: (lacht) Oh man, ich weiß nicht... (überlegt lange) Das ist wirklich eine ganz schön harte Frage... Ich würde trotzdem sagen: ja! (lacht)

Was würdest du denn daran kritisieren?

Skye: Definitiv mein Gitarrenspiel.

Ernsthaft? Ich finde gerade das sticht doch neben dem Gesang heraus.

Skye: Mag schon sein, aber es geht trotzdem immer noch besser.

So wird das aber nie was mit dem perfekten Album.

Skye: Das stimmt. Ich bin eben nicht einer dieser Menschen, die aus dem Studio rausgehen können und sagen: "Das war es jetzt!" Ehrlich gesagt bin ich die absolute Pest für jeden Producer, weil ich nie mit etwas ganz zufrieden bin und immer noch irgendwas verändern will. Dabei hab ich nicht einmal den Anspruch, völlig perfekt zu sein. Es ist einfach der Drang, den Sound weiter und weiter zu entwickeln.

Ok. Was würdest du dann besonders an eurem Album loben?

Skye: Auf jeden Fall Robins [Pecknold – Hauptsänger, Anm. d. Autors] Gesang und Songwriting. Er schreibt einfach unglaubliche Songs. Selbst ich als Bandmitglied bewundere immer wieder aufs Neue diese Fähigkeit, solch wunderbare Melodien, sei es mit Stimme oder Gitarre zu kreieren. Besonders seine Stimme treibt mir live immer wieder eine Gänsehaut über den Rücken und ich denke mir: "Wow, was für ein Glück, dass der in unserer Band ist!".

Als ich zum ersten Mal einen Song von euch hörte, war ich mir ziemlich sicher, dass ihr von San Francisco oder der Umgebung kommen müsst. Ich möchte jetzt nicht explizit Hippies ins Spiel bringen, aber euer Sound ist nicht gerade der Typische aus Seattle.

Skye: Das ist witzig. Ich dachte immer, wir klingen ein wenig wie Band Of Horses. Aber ich muss auch gestehen, dass das hier mein erstes Interview überhaupt ist und daher habe ich noch nicht viele andere Meinungen gehört. Wie kommst du denn auf San Francisco?

Naja, da eure Musik schon etwas hippiesk ist, hab ich das automatisch mit dieser Stadt verortet. San Francisco war doch die Hauptstadt der ganzen Hippiebewegung.

Skye: Ach wirklich? Fuck, das ist mir jetzt ganz schön peinlich... Ich bin Amerikaner, ich weiß so was nicht (lacht).

Na gut, vielleicht weißt du aber, wie ihr dann auf diesen Stil von Musik gekommen seid?

Skye: (stolz) Da kann ich ne bessere Antwort drauf geben! Robin liebt das singen und daher richtete sich sein Fokus automatisch auf Musik, die verstärkt mit Stimmharmonien arbeitet. Ich glaube, daher kommt auch dieser Hippie-Vergleich. Es war also nicht wirklich eine Wahl, welche Art von Musik wir jetzt machen wollen, sondern diese Art Musik hat vielmehr automatisch zu uns gefunden.

Wie muss man sich denn diese gesangliche Entwicklung bei den Aufnahmen vorstellen? Habt ihr zuerst die erste Stimme und macht euch dann an die Zweite und Dritte oder ist das ein automatischer Prozess?

Skye: Das macht auch alles Robin. Er hat genaue Vorstellungen im Kopf, wie die einzelnen Vocalparts klingen sollen und er kennt ja unsere Stimmen ziemlich genau. Er gibt uns dann ein paar Anweisungen und meistens ergeben sich so die ganzen Gesangslinien schon nach recht kurzer Zeit.

Habt ihr denn eigentlich Gesangsunterricht in der Vergangenheit genommen oder ward ihr in Chören?

Skye: Christian [Wargo – Bassist, Anm. d. Autors] und Tillman [J – Drummer, Anm. d. Autors] waren in ihrer Kindheit in einem Chor, aber der Rest soweit ich weiß nicht. Ich ja sowieso nicht, da ich der Einzige bin, der nicht singt.

Du bist also der Außenseiter der Band?

Skye: Vollkommen richtig. Die Anderen quälen mich auch immer. Schreib das ruhig auf!

Ich kann mir sehr schwer vorstellen, dass ihr irgendwann mal grundlegend anders klingen könntet. Habt ihr trotzdem vor, euren Stil in der Zukunft mal zu ändern?

Skye: Das ist bei uns tatsächlich eine etwas schwierige Angelegenheit. Natürlich werden wir in Zukunft versuchen, möglichst viele verschiedene Dinge in unsere Musik mit einzubauen, um nicht immer gleich zu klingen. Ich kann mir zum Beispiel auch mal einen Drumcomputer vorstellen. Dennoch muss man auch sagen, dass gerade unser Gesang uns ein wenig auf bestimmte Pfade festnagelt, die wir nicht verlassen können und vielleicht auch nicht wollen. So wie ich das sehe, ist es nur ganz wenigen Bands gelungen, besser zu werden, indem sie ihren Stil geändert haben. Der Rest ist an dem Druck gescheitert, was völlig anderes tun zu müssen. So etwas will ich nicht miterleben.

Kannst du ein paar Details zu dem Coverartwork verraten?

Skye: Da hast du jetzt mal den Richtigen erwischt, denn das kann ich wirklich! (lacht) Das Bild heißt "The Blue Cloak" und ist aus dem 16. Jhdt. Gemalt von Pieter Bruegel. Robin hat es irgendwie über Wikipedia gefunden, er hat es uns allen gezeigt und wir fanden es total großartig. Es ist auf den ersten Blick sehr farbenfroh und es strahlt eine gewisse Wärme aus, wenn man aber genauer hinschaut, sieht man, dass in den einzelnen Szenen sehr viel Gewalt verübt wird. Diesen Kontrast fanden wir so faszinierend, dass wir es kurzerhand als Artwork ausgewählt haben.

Ich habe gelesen, dass ihr auch sehr von der Musik eurer Eltern beeinflusst wurdet. Hört ihr auch aktuellere Musik, oder war der Einfluss so stark, dass ihr die guten alten Zeiten immer noch vorzieht?

Skye: Also bei mir ist es tatsächlich so, dass ich total auf ältere Musik festgefahren bin. Das mag ein wenig verwunderlich sein, schließlich bin ich auch erst 23 Jahre alt, aber ich stehe eben total auf Künstler wie Joni Mitchell, Bob Dylan oder Neil Young. Ich suche ständig nach Material aus vergangenen Tagen. Aktuelle Musik höre ich eigentlich so gut wie gar nicht und wenn, dann so abgedrehteres Zeug wie Panda Bear, Beach House oder Animal Collective. Bei dem Rest der Band ist das übrigens ganz ähnlich. Wir stecken vermutlich in einer Zeitscheife fest.

Heißt das auch, dass du eher weniger zu Konzerten gehst?

Skye: Die letzte Liveshow, die ich als Zuschauer besucht habe, ist wirklich schon ungefähr drei Jahre her. Ich meine, wir sehen als Support oder als Hauptact natürlich genügend andere Bands live, aber die Sachen, die ich wirklich gerne live sehen wollen würde, sind zum Großteil schon tot (lacht). Das letzte Konzert war übrigens No Age, die auch aus Seattle kommen. Habe heute gelesen, dass die momentan ja auch gut abgefeiert werden. Zu recht!

Habt ihr euch bestimmte Ziele gesetzt, die ihr als Band noch erreichen möchtet?

Skye: Für mich ist das eigentliche Ziel schon erreicht, indem wir ein Album aufgenommen haben. Das wollte ich schon immer mal machen und das dies schon geklappt hat, ist für mich ein Riesending. Jetzt geht es nur noch darum, wie weit wir dieses ganze Projekt noch tragen können und ich hoffe, dass das wirklich noch sehr lange sein wird, denn in einer anderen Band würde ich nicht spielen wollen. Das hier sind die Jungs, mit denen ich Musik machen will.

Benjamin Köhler

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