Interview

Coheed & Cambria


Im aktuellen Weihnachtstrubel gehen wir im Interview mit Travis Stever, seines Zeichens Leadgitarrist von Coheed & Cambria, ein paar Feiertage zurück und reden über Halloweenkostüme; außerdem über das aktuelle Album-Paar "The Afterman" und Reizüberflutung in der aktuellen Musikwelt.

Ihr werdet heute mit einem Akustikset anfangen. Wie kam es dazu, dass ihr dies nun öfter tut?

Travis: Wir mischen unser Repertoire gerne durch und spielen auch gerne die langsamen, akustischen Nummern. Da wir auch auf all unseren Alben akustische Songs haben, wollen wir dem Publikum so auch den gesamten Horizont unseres Schaffens präsentieren.

Sind eure Setlists je von den Storyline-Aspekten eurer Songs beeinflusst?

Travis: Nein, das Konzept gibt nie das Set vor – mal davon abgesehen, dass wir vor ein paar Jahren einmal alle vier Alben an vier Tagen durchgespielt haben. Wir schreiben vorrangig Songs, die aufgrund der Musik genossen werden sollen, erst dann kommt Claudios Vision ins Spiel. Viele Fans der Band interessieren sich auch für dieses Konzept und möchten dann erfahren, was Claudios Texte bedeuten, aber diese handeln zunächst auch von alltäglichen Geschehnissen, mit denen sich jeder identifizieren kann. Live geht es dann darum, was am besten funktioniert und auch darum, was die Leute hören wollen.

Ihr ignoriert "Year Of The Black Rainbow" mittlerweile ziemlich stark in euren Setlists.

Travis: Das tun wir nicht bewusst, aber wir haben einfach eine so gro?e Songauswahl. Vor zwei Touren haben wir drei, vier Songs des Albums gespielt, auf der letzten Tour zum Beispiel auch noch "Made Out Of Nothing". Manche Lieder des Albums lieben wir wirklich.

Viele standen diesem Album ja noch deutlich kritischer gegenüber als nun "Afterman".

Travis: Ja, das Album hat manche etwas überrascht, weil es sehr experimentell war und in ganz neue Richtungen ging. Aber das muss ja jede Band tun und auch, dass Experimente manchen nicht gefallen, ist normal. Diejenigen, die die Band von Anfang an nicht mochten, konnten natürlich besonders gut auf uns rumhacken und sich in ihrer Meinung bestätigt fühlen: "Nicht mal eure Fans wollen das hören!" Vielen gefiel das Album jedoch auch – genau solch ein Album mussten wir zu diesem Zeitpunkt machen, so wie wir nun "Afterman" machen mussten.

"Afterman" hat deutlich mehr Ecken und Kanten.

Travis: Ja. "Year Of The Black Rainbow" wirkte auf uns zwar ebenfalls sehr kraftvoll, jedoch mehr durch seinen Sound, die musikalischen Landschaften, die kreiert wurden. Coheed & Cambria sind wie ein Schneeball, der über die Jahre alle möglichen Einflüsse mit aufnimmt. "Afterman" ist nun wirklich eine Ansammlung von allem. Auch Josh' Rückkehr konnte dem Sound viele der Erfahrungen, die er während seines Ausstieges gemacht hatte, hinzufügen.

Gibt es denn irgendwelche Limits für die Band?

Travis: Ohne arrogant klingen zu wollen: Ich glaube nicht.

Allerdings hat Claudio trotzdem ein eigenes Nebenprojekt, "The Prize Fighter Inferno".

Travis: Klar, so etwas haben wir alle.

Kannst du schon verraten, wie der zweite Teil der "Afterman"-Saga klingen wird?

Travis: Ich habe ja diesen Schneeballeffekt beschrieben. Dieser Schneeball wird noch grö?er werden – Elemente von allem, was wir bisher gemacht haben, und ebenso auch Neues.

Zum Beispiel:

Travis: Es könnte einen Song mit Bläsern geben. Es könnte.

Ist das Mastering denn noch nicht fertig? Wenn du sagst "es könnte..."

Travis: Klar, es KÖNNTE alles geben! Es könnte auch einen mit Banjo geben. Wieso nicht mit Bläsern? (lacht)

Okay, ich werde jetzt den Bläsersong ankündigen und wenn es den dann nicht gibt, sind alle sauer.

Travis: Klar, klingt aufregend! Mal ernsthaft, es gibt zum Beispiel einen Song, der mich an "The Crowing" erinnert, andere erinnern mich mehr an die sanfte Seite der Band. Au?erdem passt es sehr gut zum anderen Teil des Albums – die Songs wurden ja auch in einem Rutsch geschrieben.

Claudio sagte, Menschen hätten heute eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne als früher. Denkst du, Coheed & Cambria wären beispielsweise in den 70ern anders wahrgenommen worden?

Travis: Da hätten die Leute wahrscheinlich mehr Zeit gehabt. Das ist ja gerade die Ära von beispielsweise King Crimson oder Yes. Ich denke allerdings nicht, dass wir genau in diese Progschublade passen, viele unserer Songs sind beispielsweise auch so poppig wie einer von Billy Joel. Das ermöglicht es den Leuten aber auch, sich uns Song für Song zu nähern und damit passen wir wiederum gut in diese durch kürzere Aufmerksamkeitsspannen geprägte Zeit: Viele wollen nur noch eine Verbindung zu einem einzelnen Song finden und keine ganzen Alben mehr anhören. Das ist hin und wieder enttäuschend – erst einen tollen Song finden und dem Album dann ganz eventuell erst danach eine Chance geben. Selbst in den 90ern war das noch anders, das vermisse ich – Alben eine Chance geben.

Das liegt vielleicht auch darin begründet, dass es heute dank des Internets wahre Flutwellen von Musik gibt, die von dir gehört werden wollen.

Travis: Klar, es wird einfach viel angeboten und jeder hofft, dass seine Band hervorstechen und gemocht werden wird. Das macht die Substanz der Musik natürlich nicht besser. Wir wurden auch gefragt: "Macht ihr nun ein Doppelalbum, um die Hörer mit Musik zu überfluten?" Nein! Zum einen passte der klangliche Cliffhanger sehr gut in das Gesamtkonzept und zum anderen wollten wir auf keinen der Songs verzichten, weil wir wirklich stolz auf sie waren. Auch wenn ich in letzter Zeit durchaus manchmal denke, dass manche Bands nur soviel schreiben, um die Industrie mit ihrer Musik überfluten zu können. Das ist...nervig (lacht).

Du hast vorhin von Schubladen gesprochen, in die ihr eurer Meinung nach nicht passt.

Travis: Ich bezeichne uns einfach immer als Rockband – auch Punk, Metal und so weiter basieren ja letztlich darauf. Wenn Claudio mit einem Song anfängt, der sehr poppig ist, und uns diese Richtung gefällt, werden wir sie auch gnadenlos ausreizen und den Song zehnmal so poppig machen! Ich werde bestimmt kein Metalriff darunter setzen, damit er ein Metalelement hat. Auch Josh wird keinen Breakbeat unter einen Song setzen, der nach The Police klingt.

Bezüglich des neuen Songs "Holly Wood The Cracked" hab ich zum ersten Mal den Begriff "Partysong" in einer Beschreibung eurer Musik gelesen.

Travis: Das ist cool (lacht). Es ist ein interessanter, merkwürdiger Song über ein interessantes, merkwürdiges Thema. Über Grenzen, die man nicht überschreiten darf und jemanden, der sich zu sehr an einem Star orientieren will, diesen dann schlie?lich umbringen will ... wie bei John Lennon und Mark David Chapman. Solche Themen beschäftigen einen schnell: Vor einer Weile hat ein Fan tatsächlich verrückte Youtube-Videos hochgeladen, auf denen er Claudio und seine Frau direkt beleidigt hat. Dies hat Claudio dann auf die Konzept-Ebene transportiert.

Claudio hat nun schon zwei Versionen seiner Selbst im Amory-Wars-Universum. Du bist quasi seit Beginn der Band dabei – glaubst du, eine Version von dir gibt es auch?

Travis: Nicht namentlich, aber jeder, der in seinem Leben eine Rolle spielt, hat irgendwie Charaktere beeinflusst. Das behält Claudio aber für sich. Ich stecke da nicht so drin, auch wenn ich alles gelesen habe. Aber wei?t du – der Hauptcharakter der Saga hei?t ebenfalls Claudio, hat allerdings keinerlei Ähnlichkeiten mit dem echten Claudio. Coheed & Cambria basierten allerdings auf seinen Eltern, und das erkannte man schnell.

Claudio war ja eine Art Messias-Charakter. Ist das nicht narzistisch?

Travis: Ich würde es eher eine Erweiterung seiner Selbst als eine narzistische Seite nennen. Er kann ja nicht einfach über sich selbst schreiben, also baut er ein Universum darum herum. Deswegen steckt auch sein Name drin, weil es eben sehr persönlich ist.

Eine letzte Frage: Heute ist Halloween. Wie würde ein Kostüm aussehen, das auf der Band Coheed & Cambria basiert?

Travis: Verdammt. Jetzt muss mir was Gutes einfallen. Es müsste ... ein Hai sein.

Wieso das denn?

Travis: Wir nennen unseren Soundmann den "Sex Shark". Aber warte, es soll ja uns repräsentieren, oder? Dann streich den Hai.

Das Kostüm kann ja ruhig eine Haiflosse oder so behalten.

Travis: Haifischzähne dann. Löwenkrallen. Kann es nicht auch Löwenzähne haben? Okay, eine Kombination aus Hai- und Löwenzähnen. Ein Gürteltierpanzer mit Stachelschweinstacheln. Welche Augen hätte es denn ... einen Röntgenblick, wie Superman. Fledermausflügel. 3 Eier für ultimative Paarungsfähigkeit.

Und hohe Potenz?

Travis: Aber hallo, hohe Potenz! Einen RIESIGEN Dödel, eines Elefanten oder so. Das Horn eines Rhinozeros. Und last but not least ... einen Biberschwanz. Das ist eine verdammt mächtige Bestie, oder? Mal schauen, bekomm ich noch alles zusammen? (zählt die einzelnen Körperteile erneut auf)

Hat das Vieh schon Beine?

Travis: Oh, Beine. Ach, Menschenbeine mit Löwenkrallen.

Das solltet ihr auf jeden Fall in eurem Onlineshop anbieten.

Travis: Auf jeden Fa... Ich hab die Fledermausflügel vergessen!

Jan Martens

Lesen


Finden


Alles gelesen? Guck doch mal in unserem Textarchiv vorbei, dort gibt es fast 5000 Rezensionen und mehr als 400 Konzertberichte und Interviews.