Rezension

Russian Circles

Station


Highlights: Harper Lewis // Youngblood // Station
Genre: Postrock
Sounds Like: Red Sparowes // Ef // Gregor Samsa // Sigur Rós

VÖ: 06.06.2008

Sechs Songs in teilweiser Überlänge, 43 Minuten Spielzeit, rein Instrumental. Juhuu, eine Postrock-Platte, hatten wir ja lange nicht. Wie üblich gilt: Perfekt eingespielt, eigener Klangkosmos erschaffen, Melodien im Übermaß, beliebig hineininterpretierbare Emotionen mangels Vorgabe. Postrockbands zu unterscheiden kann so schwierig sein, wie Grashalmlängen einer grünen Wiese zu betrachten. Gut, ab und an sticht dann doch einmal so etwas wie eine Blume hervor, oder zumindest ein – wenngleich auch grünes - Kleeblatt. Wo sind also Russian Circles einzuordnen? Ich plädiere für Kleeblatt, für einen stumpfen grünen Stengel sind sie zu gut, für ein andersfarbiges Blümchen fehlt ein klein wenig Wiedererkennungswert. Eine musikalische Entdeckungsreise durch die Natur:

Schön klingt der erste Song, „Campaign“, ruhiges Intro, harmonische Gitarrenlinie, das Schlagzeug trägt auch einen Teil zum Rhythmus dazu, sonnig ist es auf der Wiese, das einzig Spannende scheint der Wettkampf des üblichen Getiers um Nahrungsquellen zu sein. Manchmal ist Musik auch toll, die einen einfach mal dazu bringt, nichts zu tun. Auf Dauer ist zu viel Harmonie auch nix, werden sich Russian Circles vielleicht gedacht haben und daher klingt „Harper Lewis“ bereits von Anfang an ziemlich bedrohlich. Mag an der markanten Basslinie liegen, oder am düsteren Keyboardeinsatz. Auf jeden Fall wird es ungemütlich. Eine aufziehende Regenfront zeichnet sich über unserer Wiese ab. Es handelt sich allerdings nur um ein kleines Sommergewitter, keine Sorge.

Nachdem der Himmel sich abreagiert hat, folgt „Station“ (noch nie waren Songtitel so egal). Unruhig, irgendetwas hat die Natur in Aufregung versetzt, unheilvoll steigert sich die musikalische Untermalung dazu in ein immer lauter werdendes Ende hinein. Was genau passiert ist, lässt sich nur erahnen, auf jeden Fall kracht es ordentlich. Das Tolle an Russian Circles ist, dass in solchen Momenten niemand mit überflüssigem Gegrowle nervt. Oder auch das Langweilige, je nach Standpunkt. Genug der Aufregung. „Verses“ folgt, was auch immer vorher war, jetzt strahlt uns wieder purer Sonnenschein entgegen. Die dem Song zugrunde liegende Gitarrenlinie erinnert schon sehr an Sigur Rós, es gibt allerdings ärgerlichere Kopien. Eilig haben es die drei dabei nicht, neun Minuten Zeit nehmen sie sich für das Aufbauen isländischer Landschaftsansichten.

„Wir können noch mehr, als nur kopieren“, wollen uns Russian Circles mit „Youngblood“ wohl sagen. Flirrende Gitarren, schrammelnder preschender Bass, treibendes Schlagzeug, aber alles im Rahmen des ekannten. Rockt schon ordentlich. Im Bezug zur Wiese vielleicht das Herannahen eines Rasenmähers, vielleicht aber auch nicht. Ab der Mitte des Stückes wird es nämlich wieder etwas ruhiger. Dann wieder laut, das alte Rein-Raus-Spiel. Dessen musikalischer Umsetzung liegt ja das gesamte Genre zugrunde. Wer das nicht beherrscht im Postrockuniversum, kann gleich einpacken. Russian Circles sind nicht schlecht dabei. Nett wie sie so sind, verabschiedet sich die Band mit sehr behäbigen Tönen von uns. Träge schleppt sich die Gitarre übers Feld, tapsig trommelt irgendwer in den Abend hinein. Ein anstrengender Tag für alle Beteiligten ist vorbei, viel ist passiert, anstrengend war es, aber am Lauf der Zeit hat sich nichts geändert.

Klaus Porst

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