Rezension

Niels Frevert

Paradies Der Gefälschten Dinge


Highlights: UFO // Speisewagen // Schwör
Genre: Hörspiel-Pop
Sounds Like: Element Of Crime // Enno Bunger // Moritz Krämer

VÖ: 22.08.2014

„Paradies der gefälschten Dinge“ betitelt Niels Frevert sein neues, fünftes Studioalbum. Ein Paradies für Symbole ist es geworden. Ein Wortspiel jagt das nächste, und ob das nun wörtlich gemeint ist, oder eben doch nur bildlich, erfährt man manchmal erst bei mehrmaligem Hören – oder gar nicht.

Frevert ist ein Geschichtenerzähler par excellence; die meisten sind geradewegs aus dem Leben gegriffen. Perfekter Stoff zum Mitsingen oder zumindest verständnisvollen Nicken, denn Alltagssituationen wecken Mitgefühl. Warum soll man sich auch phantastischen Stoff aus den Fingern saugen, wenn vor der Haustür, im Freundeskreis, im eigenen Kopf eben schon die waghalsigsten Dinge passieren. Na gut – zugegebenermaßen schenkt Frevert seinen Erzählungen noch eine ordentliche Portion Phantasie oben drauf, wenn er beispielsweise ein Ufo über Hamburg fliegen lässt.

"Ufo" ist ein gelungener Religions-Parodie-Song. Obgleich man für einen Moment schon fast glaubt, Frevert an die aber so glücklichen Christen verloren zu haben, wenn er singt "So möchte ich auch sein, das ist die Chance meines Lebens!", kommt doch gerade im letzten Moment das Ufo, das ihn in die Realität zurück bringt und geradewegs auf dem Dach des Uebel und Gefährlich landet, denn: "Glaube braucht keine Landebahn". Frevert bringt den Hörer zum Schmunzeln und zum Nachdenken, spielt mit den Gefühlen, wie es ihm beliebt, und weiß ganz genau, wie er andere um den Finger wickelt – sei es mit einer ausgewählten Betonung oder einer exakt gewählten Pause vor einem Wort. Er beherrscht die Sprache, spielt mit den Worten. Die Texte bleiben seine große Stärke.

Wenngleich auch die Instrumentierung es in sich hat. "Paradies der gefälschten Dinge" wurde von Olsen Involtini gemixt, der sonst für Seeed und Peter Fox zuständig ist. Das hört man ihm an, denn es geht opulenter als üblich zu. Das volle Programm, reich instrumentiert, mit allerhand Bläsern, Streichern und Klavier, bietet Frevert. In seinen melancholischen Parts erinnert es gar an Element Of Crime. Dennoch wiederholt es sich nach einiger Zeit – die Soundstrukturen, Höhen und Tiefen wirken einander ähnlich, manch ein Lied gerät so schnell mal in Vergessenheit und wirkt belanglos.

Andere Songs aber bleiben im Kopf durch ihre wunderbar charmante und mitreißende Art. Da wäre zum Beispiel "Alles muss raus", wenn Frevert singt: "Ich brauche mich nicht an Erinnerungen fest zu halten / denn die kommen um die Ecke von ganz allein / laut gröhlend von ihrer eigenen After-Show-Party". Ganz ehrlich, wenn jemand solche Zeilen singt, Worte lebendig werden lässt, dann muss man ihn doch dafür mögen und verzeiht ihm auch ein paar belanglosere Momente zwischendurch.

Marlena Julia Dorniak

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"Schwör" in der Akustik-Version
"Das mit dem Glücklichsein ist relativ"

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