Rezension

Interpol

El Pintor


Highlights: All The Rage Back Home // My Desire // Anywhere
Genre: Post-Punk // Indie // New Wave
Sounds Like: Interpol

VÖ: 05.09.2014

Schwarz und rot. Die äußerliche Erscheinung von Interpols fünfter Platte ist in ihrer Anspielung auf frühere Großtaten so vertraut wie Hoffnung verheißend. Dass die Band Wert auf Äußerlichkeiten legt, zeigt sich nicht nur in ihrer Liebe zum Tragen schlichter Anzüge, auch das Vorgänger-Album, auf dessen Coverbild der Bandname in Fragmente zu zersplittern schien, war tatsächlich ein Album der Auflösung und des Zerfalls. Nach dem Weggang von Bassist Carlos Dengler war nicht einmal klar, ob es überhaupt jemals wieder eine Veröffentlichung der Herren aus New York geben würde.

„El Pintor“ soll daher als eine Art Neuanfang verstanden werden. Zumindest betont man, sich als Band wiedergefunden zu haben. Denn als sich Gitarrist Daniel Kessler und Sänger Paul Banks nach längerer Pause zusammensetzten, um Ideen Form annehmen und ihren Gedanken freien Lauf zu lassen, so der selbsterzählte Mythos zum neuen Album, sei wohl relativ schnell klar gewesen, dass da etwas war, das nach Fortführung verlangte. Die Tatsache, dass Banks nun auch Bass spielte, habe die Kreativität noch zusätzlich befeuert.

Interpol, wie eh und je einer immensen Erwartungshaltung der Kritiker ausgesetzt, die jeden Schritt penibel mit ihrem 2002er Debüt „Turn On The Bright Lights“ vergleichen, leben wie kaum eine zweite Band von der Stimmung ihrer Songs. Diese sind beheimatet in einem Klangkosmos, den man sich über die Jahre zueigen machte und durch den man selber zur Referenzgröße aufstieg. Die früher noch naheliegenden Vergleiche zu Joy Division sind schon lange nicht mehr angebracht, denn heute klingen Interpol einfach nur noch nach Interpol.

So beginnt auch der Opener „All The Rage Back Home“ mit dem typisch atmosphärischen Zusammenspiel Kesslers und Banks, bis Drummer Sam Fogarino mit schnellem Rhythmus vorprischt. Solch eine Leichtigkeit hatte man seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr von der Band gehört. „My Desire“, quasi ein neuer Klassiker, beschwört die orchestralen Momente eines Albums wie „Our Love To Admire“ und liefert wundervolle Gitarrenarrangements, gepaart mit Banks weinerlicher Melancholie. „Anywhere“ geht gar noch einen Schritt zurück und hätte mit seinem simplen, aber effektvollen Gitarrenriff auch auf dem Debüt eine gute Figur abgegeben. „El Pintor“ beginnt also durchaus als eine Rückbesinnung auf die Stärken einer Band, die sich damit deutlich frischer als auf dem experimentellen und teils abstrakten, selbstbetitelten Vorgänger „Interpol“ präsentiert.

Dennoch, nach Songs wie „Same City, New Story“ oder „My Blue Supreme“, das man mit seiner versetzten Rhythmik und den um eine Oktave verschobenen Banks’schem Gesang noch unter „interessanter Versuch“ verbuchen kann, wird spätestens mit dem um Stadion-Rock bemühten „Everything Goes Wrong“ deutlich, wie diese Band in der Gegenwart an ihre Grenzen stößt, wenn sie ihren eingespielten Pfad verlässt. Einen Ausruf wie „fuck the ancient ways“ gegen Ende der Platte in die Tat umzusetzen, kann man Interpol nicht wirklich empfehlen. Am Ende steht mit „Twice As Hard“ ein versöhnlicher Schlussstrich unter einer insgesamt guten Rockplatte, die – man muss es so sagen – in ihren besten Augenblicken an frühere Momente erinnert.

Jonatan Biskamp

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"All The Rage Back Home"

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