Konzertbericht

Interpol


Wir erinnern uns: Bereits Ende 2007 legten Interpol im Hamburger Docks Doppelschicht ein. Unser damaliges Feedback: Beide Daumen Richtung Himmel, abgesehen von besonders nervigem Publikum – aber irgendwas ist ja immer. Seit 2007 hat sich aber natürlich so einiges geändert: Bei den New Yorkern wurde die Bassisten-Drehtür eingeführt und Carlos Dengler durch David Pajo durch Brad Truax ersetzt, zudem mit „Interpol“ ein Album herausgebracht, das der gesammelten Musikwelt gefühlt am Allerwertesten vorbeigegangen ist – interessante Voraussetzungen also für ein Interpol-Konzert 2011.

Dass ein Support in all den Jahren der Gleiche bleibt, kann natürlich niemand erwarten – nach der damaligen stimmigen Show von Blonde Redhead jedoch durchaus bedauern. Schade trotzdem, dass es das Docks wieder einmal schaffte, das Vorprogramm bereits eine Viertelstunde vor offiziellem Beginn durchgeprügelt zu haben – so kann an dieser Stelle keinerlei Kommentar dazu abgegeben haben, ob Matthew Dear die Daumen hoch oder runter gehen ließ.

Entgegen jenen Unkenrufen jedoch, die Interpol nach Bassistenkarussell und Ferner-liefen-Release schon in der baldigen Auflösungs-Gerüchteküche sahen, ist beim Headliner selber aber glücklicherweise wieder einmal Ersteres der Fall – was auch dem Verzicht geschuldet sein könnte, auf Teufel komm raus „Interpol“ durchdrücken zu wollen. Dass der unauffällige Opener „Success“ die knapp anderthalbstündige Show eröffnen würde, war vorherzusehen, das eher unspektakuläre „Memory Serves“ dient zumindest als guter Puffer zwischen den überragenden „Heinrich Maneuver“ und „Obstacle 1“, und in „Barricade“ und seine Basslinie kann man sich sowieso nur verlieben.

Und a propos Bass: Da war ja noch dieser gewisse Brad Truax, der kritisch in Augenschein genommen werden wollte – sich dessen aber scheinbar dadurch erwehrte, dass er höchstens hin und wieder vor dem Scheinwerferlicht zu flüchten schien und sich ansonsten mit dem absoluten Bewegungsminumum begnügte, das sich ein Bassist so erlauben kann. In Verbindung mit Truax' Latin-Lover-Äußerem versprühte dieser dadurch jedoch noch mehr Coolness, als es die Band sowieso schon tut, wodurch er in einer Band, deren Musik dies zuließe, wohl schnell zum beliebtesten Ziel unterwäschewerfender junger Damen avancieren würde.

Ganz anders hingegen die Kollegen: Gitarrist Daniel Kessler legt während des Spielens hin und wieder gar eine flotte Sohle aufs Parkett, Paul Banks wirkt ungewohnt gut gelaunt, dankt Fans und Vorband und erdreistet sich gar, sein Image dadurch vollkommen zu zerstören, dass er an der einen oder anderen Stelle lächelt. Nicht nur durch augenscheinlich schwächere Alben, sondern auch durch solche kurzen Gesten kratzen Interpol also an ihrem Ruf der Unnahbarkeit – der jedoch spätestens dann wieder hergestellt ist, wenn das abschließende „Not Even Jail“ mit seiner Kolossalität das Docks ausfüllt – und die Unkenrufe erstmal wieder zum Verschweigen bringt.

Photo: Pressefreigabe Cooperative Music

Jan Martens

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