Interview

Vampire Weekend


Schmuddeliges Hamburger Herbstwetter bleibt nicht ohne Folgen: So musste Gitarrist Rostam Batmanglij unserem Interview mit Vampire Weekend leider krankheitsbedingt fern bleiben. Aber was solls – auch auf sich alleine gestellt weiß Drummer Chris Tomsen viel über den heiß erwarteten Zweitling "Contra" zu berichten.

Ich würde gerne mit einer etwas weitläufigeren Frage beginnen: Auf dem Promozettel, den ich bekommen habe, sagtest du, dass "Contra" mehr nach der Band Vampire Weekend klänge als die erste Platte. Dann muss ich natürlich fragen, was genau am Debüt un-Vampire-Weekend-isch war.

Chris Tomson: Ich denke, so habe ich das nicht gemeint. Ich wollte damit eher sagen, dass, wenn eine Band ihr erstes Album herausbringt, dieses natürlich nur mit Sachen verglichen werden kann, die davor kamen, um es mit anderen Künstlern in einen Kontext stecken zu können. Jetzt wiederum können die Leute hoffentlich hören, dass es zwar nicht gleich klingt, aber die gleichen vier Leute am Werk waren, die ihren eigenen Sound weiter erkunden wollten. Daher sollen die Leute denken, wenn sie "Contra" hören, dass es sich hier wirklich wieder um ein Vampire-Weekend-Album handelt und nicht um etwas, das wie andere Bands klingt. Natürlich wird es weiter Vergleiche geben, aber hoffentlich erkennen die Leute dann unseren eigenen Stil im Gegensatz zu anderen Künstlern.

Vielleicht werden manche Sachen auf eurem neuen Album manche Hörer aber auch gerade verwirren. So gibt es ja zum Beispiel auch Balladen auf "Contra".

Chris: Wir wollten uns nicht wiederholen und auch eine größere Spanne an Emotionen, Vibes etc. zulassen. Die Songs des ersten Albums wurden alle auf ziemlich ähnliche Art und Weise gebaut – wir vier an unseren Instrumenten und spielen – , zwar waren wir dort natürlich auch nicht alle immer in derselben Stimmung, aber es herrschte mehr oder weniger ein einheitliches Prinzip. Dieses Mal hatten wir mehr Zeit, um uns dem Songschreiben zu widmen und wollten daher auch mal langsamere Songs schreiben – wobei ja auf der anderen Seite auch noch rockigere Lieder dabei sind. Wir wollten einfach mal sehen, was passiert und uns nicht immer dem gleichen Vibe hingeben.

Wo du die größere Spanne erwähnst: Ganz ohne Wertung kann man ja auch behaupten, dass euer Debüt homogener war als der Nachfolger. Nun sind manche Songs noch poppiger, während "Giving Up The Gun" und "Diplomat's Son" sehr viel progressiver und komplexer sind.

Chris: Ja, stimmt. Manche Songs kann man aufgrund von bestimmten Melodien, Texturen sofort Vampire Weekend zuordnen. Die anderen wiederum, die du erwähnt hast, wurden auch nicht an einem Stück geschrieben, sondern aus einzelnen Teilen zusammengesetzt.

Du hast ja eben auch erwähnt, dass ihr diesmal mehr Zeit zum Schreiben hattet, oder hab ich das falsch verstanden?

Chris: Das hab ich wahrscheinlich folgendermaßen gemeint: Bei den Aufnahmen zum ersten Album bin ich beispielsweise nach der Arbeit mit der U-Bahn zu Rostam (Batmanglij, Gitarrist der Band, Anm. des Autors) gefahren, wir haben dann ein paar Drums im Haus unseres Kumpels aufgenommen und eine Woche später die Gitarre – immer, wenn es arbeitstechnisch gepasst hat. Nun war es eine Vollzeitaufgabe und wir mussten nebenbei keine anderen Dinge erledigen. Wir haben beide Male viel Zeit in die Aufnahmen investiert, aber diesmal war es konzentrierter.

Ich wollte auch fragen, was der größte Unterschied zwischen den Aufnahmen des ersten Albums und den "Contra"-Aufnahmen war. War es dieser Full-Time-Job-Aspekt?

Chris: Ja, und auch die Herangehensweise. Beim Vorgänger hatten wir ja zum Beispiel noch nicht wirklich ein Plattenlabel und nur Freunde kamen zu unseren Shows. Es war eine ganz andere Erfahrung, weil wir wussten, dass Leute auf der ganzen Welt unsere erste Platte schon positiv aufgenommen haben.

Setzt einen das nicht auch mehr unter Druck, wenn man Fans hat, die nicht enttäuscht werden sollen?

Chris: Ja und nein! Also, unser Label war toll, es kam nicht andauernd an und sagte uns, was die Platte mehr oder weniger bräuchte. Etwas mehr Druck – ja, aber da wir die erste Platte eigentlich auch nur für uns gemacht haben, waren wir nicht der Ansicht, dass wir das nun hätten ändern müssen.

Du hast auch eure vielen Tourneen um die ganze Welt erwähnt. Da ihr ja von sehr viel internationaler Musik beeinflusst seid – brasilianischer und kongolesischer Musik, den Bollywood-Soundtracks – , frage ich mich, inwiefern das Einfluss auf euer Songwriting hatte.

Chris: Ja und nein, aufgrund des Internets kann man Musik heutzutage ja sowieso sehr leicht konsumieren, man muss nicht wirklich reisen. Außerdem hat man beim Touren sowieso selten Zeit, kulturelle Unterschiede zu erleben. Es ist wie hier im Hotel – man kommt an und ist auch schon bald wieder weg, wir haben selten Erfahrungen wie "Hey, wir haben damals in Holland doch diesen verrückten Scheiß gehört...". Wir haben natürlich unsere Ohren offen gehalten, Dinge gehört und gekauft, aber es gibt jetzt keine besonderen Erlebnisse, von denen ich erzählen könnte.

Ursprünglich wolltet ihr das Album doch in Kalifornien aufnehmen...

Chris: Eigentlich haben wir nur gedacht, dass Kalifornien die "spirituelle Heimat" des Albums wäre. Dann haben wir es aber doch in NY aufgenommen, eben weil wir dort wohnen, Leute und Plätze haben, die wir kennen und denen wir vertrauen. Bezüglich Kalifornien hatten wir ein paar Ideen, aber von denen hat sich keine in die Tat umsetzen lassen.

Ihr habt ja auch Songs in Mexiko aufgenommen?

Chris: Ja, einen. Wir hatten im März eine kurze, einwöchige Tour durch Mexiko und zwischendrin ein paar Tage frei, in denen dann "Cousins" aufgenommen wurde.

Glaubst du, dass "Cousins" dadurch etwas heraussticht, beispielsweise was die Musik oder die Atmosphäre angeht?

Chris: Es ist auf jeden Fall etwas grober, rauer, allein schon wegen des Equipments, das wir hatten. Ansonsten ist Mexiko zwar immer aufregend, aber auch hier könnte ich nicht sagen, dass wir irgendwo auf der Straße eine Gitarre gefunden und damit gespielt hätten oder so, nichts so Spezifisches.

Da ich gerade den Begriff "Atmosphäre" verwendet habe: Auf dem neuen Album sind Themen wie das Schwelgen in Erinnerungen sehr viel markanter als noch auf dem Vorgänger, wie in etwa auf "Horchata". Wie lässt sich das begründen?

Chris: Weißt du, viele Debütalben entstehen ja in einer Art Uni-Setting – man ist noch jung und macht sich über ernste Dinge des Lebens wie den Tod nicht allzu viele Gedanken. Wir sind jetzt allerdings schon mehrere Jahre raus aus dem College, und wenn man älter wird, beginnt man auf eine ganz natürliche Art und Weise auch, anders über viele Dinge zu denken. Man vermisst gewisse Dinge aus der Zeit, in der man noch jünger war. Solche Gedanken haben uns und auch Ezra (Koenig, Sänger der Band, Anm. des Autors) beschäftigt.

Der Albumtitel "Contra" selbst kann ja auch schon als Anzeichen für eine negativere Sichtweise verstanden werden.

Chris: Weißt du, "Contra" ist ein interessantes Wort, das ja auch nicht besonders häufig im Englischen gebraucht wird, doch kommt auch in vielen anderen Sprachen eine Abwandlung dieses Wortes vor. Außerdem ist es ja auch ein kulturelles Phänomen, dass sich Leute darüber definieren was sie sind und was sie eben nicht sind. Auch in Verbindung mit dem Song "I Think UR A Contra" fühlte es sich wie ein Wort an, das das ganze Album verbindet.

Da du gerade von diesem Song sprichst: Was genau wäre denn ein "Contra"?

Chris: Wenn man von diesem Song ausgeht, ist es ein bestimmter Typ von Mensch in einer Beziehung. Ich möchte hier nicht für Ezra sprechen, aber wahrscheinlich ist es jemand, der nicht soviel gibt wie die andere Person.

Auch wenn mit Ezra euer Texter nicht hier ist, frage ich dich einmal: "Contra" ist ja auch ein Wort, das viel Raum für Interpretationen lässt. Glaubst du, dass das an einem guten Text oder auch an guten Lyrics wichtig ist? Ezra selbst hat ja auch einen Abschluss in Literatur.

Chris: Ja, das streckt sich auf die Musik und andere Aspekte des Albums wie das Cover aus. Wir probieren, niemals zu explizit zu sein. Natürlich gibt es auch großartige Musik, die dir genau sagt, worum es ihr geht, aber manchmal sind es die Songs, die spezifisch am wenigsten bedeuten, wiederum auch die, die mir persönlich am meisten bedeuten, wie in vielen Dylan-Songs. "Meine Freundin hat mich verlassen, ich bin sehr traurig" - das ist nicht besonders interessant. Und gerade aus diesem Grund mochte Ezra den Begriff "Contra" auch, da man da ebenfalls nicht weiß, was er bedeuten soll. Daher möchte ich den Begriff und den Song auch nicht unbedingt näher erklären, da sich jeder selbst zusammenreimen kann, was gemeint ist.

Da du das Lovesong-Text-Klischee erwähnst: Ezra meinte, er möge Joe Strummers Aussage, dass Liebe als Songthema zu ausgebeutet sei.

Chris: Ja, ich glaube, das hat er im Kontext des Songs "Taxicab" gemeint: Auch dort geht es nicht um offensichtliche Aussagen wie "Ich bin so traurig", sondern um eine abstraktere Sichtweise auf eine solche Situation.

Eine letzte Frage zu den Texten von "Contra": Auf dem Debüt ging es im Song "Oxford Comma" ja um etwas, das Ezra "sprachlichen Imperialismus" genannt hat, darum, dass manche Leute versuchen, anderen eine bestimmte Orthographie und Grammatik aufzudrücken. Da sehe ich eine Verbindung zu "California English", in der es ja auch um verschiedene Sprachvarietäten geht.

Chris: Ja, ich mag den Text dieses Songs sehr, der kann ebenfalls auf mehrere Arten verstanden werden. Ich möchte auch hier nicht zu spezifisch werden, aber das Ganze nahm seinen Ursprung, als uns jemand von unserem Plattenlabel in England eine Geschichte erzählte, dass man Footballspiele, die in der Nähe stattfinden, nicht live besuchen soll, aber sie sich auf saudi-arabischen Fernsehsendern anschauen kann. Es ist interessant, wie manche Dinge genau in deiner Nähe stattfinden, aber man sie nur über mehrere Umwege mitbekommen kann.

Jan Martens

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Rezension zu "Contra" (2010)
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