Interview

The Twilight Sad


The Twilight Sad hatten wir zwar schon vor einem Jahr vor dem Mikro, doch das hält uns nicht davon ab, nach dem großartigen zweiten Album "Forget The Night Ahead", noch mehr Infos aus der Band herauszuquetschen. In den Katakomben des Heidelberger Karlstorbahnhof treffen wir Sänger James Graham und zwei weitere Bandmitglieder. Alle tief versunken in ihren Laptops. Die Frage, ob sie sich nur online miteinander unterhalten, wird daraufhin zum Running-Gag.

Zuerst mal Glückwunsch zu eurem tollen zweiten Album. Meiner Meinung nach klingt es reifer als euer Album zuvor, aber auch melodiöser und zugänglicher - besonders, wenn man mal Songs wie "Interrupted" oder "The Room" betrachtet. War das eine bewusste Entscheidung von euch und glaubst du, dass euer zukünftiges Material in die gleiche Richtung gehen wird?

James Graham: Es war keine wirklich bewusste Entscheidung, sondern vielmehr ein fortschreitender Prozess. Nach zwei Jahren ununterbrochener Tour und mehr Übung beim Songwriting hat sich das einfach so entwickelt. Ob das in Zukunft weiter in diese Richtung gehen wird, kann ich noch nicht sagen. Mein gegenwärtiges Gefühl sagt eher nein, aber da muss man abwarten und sehen, was passiert.

Ich kann mir vorstellen, dass die Erwartungshaltung an euer neues Album ziemlich hoch war, besonders, wenn man mal den Erfolg von "Fourteen Autumns & Fifteen Winters" bedenkt. War das eine große Last für euch?

James: Nun, es ist so, dass wir dem, was andere Leute von unserer Musik halten, nie viel Beachtung geschenkt haben. Wir schreiben einfach die Songs und nehmen sie auf, das wars. So wird es auch immer sein und so lange wir glücklich damit sind, so lange ziehen wir das auch auf diese Weise durch. Wenn man sich von außen da beeinflussen lässt, kann das nicht gut sein für die Musik. Ich würde sagen, wir sind mit dieser Schiene auch gut gefahren. Die Leute, die unser erstes Album mochten, mögen uns ja jetzt größtenteils immer noch (lacht).

War es dennoch schwieriger für euch, das zweite Album zu schreiben?

James: Das Schwierigste war eigentlich, überhaupt Zeit zu finden, das Album aufzunehmen. Wir waren das ganze Jahr über unterwegs und während der Tour schreiben wir keine Songs. Wir reden ja während der Tour ja nicht einmal miteinander (zeigt auf seine zwei Laptop bedienenden Bandkollegen und lacht). Nein, wir fühlen uns im Studio einfach wohler, Songs aufzunehmen, als im hinteren Teil eines Tourbusses.

Kommen wir mal zu deinen Lyrics. Was war dir dieses Mal wichtig, mit ihnen auszudrücken?

James: Es waren eigentlich die gleichen Dinge wie auf dem ersten Album. Dinge, die mich, meinen Freundeskreis und meine Familie betreffen. Dieses mal wollte ich aber die Lyrics noch etwas leidenschaftlicher und düsterer schreiben. Nicht, dass die Lyrics beim ersten Album jetzt besonders fröhlich gewesen wären (lacht), aber eben alles ein wenig dramatischer. Ob mir das so recht gelungen ist, weiß ich nicht.

Was ist denn textlich dein liebster Song auf dem Album und warum?

James: (überlegt lange) Vielleicht derjenige, auf dem ich gar nicht singe? (lacht) Vielleicht, vielleicht, vielleicht... Doch, ich würde sagen "Made To Disappear" oder "The Room". Die haben für mich persönlich die größte Bedeutung. Warum, mag ich aber nicht verraten. Das würde einen Teil dieser Bedeutung für mich kaputt machen.

Ok. Kannst du ein bisschen was zum Coverartwork erzählen?

James: Andy (MacFarlane – Gitarrist) hat vorgeschlagen, dass Dave von FatCat (Label von The Twilight Sad) doch das Coverartwork gestalten könnte, weil der ziemlich gut in solchen Dingen ist. Wir fanden das eine gute Idee und da habe ich Dave meine Lyrics gegeben, aus denen er dann nach seinen Vorstellungen das Cover gestaltet hat. Das Artwork richtet sich dabei nach der weiblichen Perspektive, in die ich häufig auf dem Album wechsle. Ich denke, diese Perspektive hat Dave gut umgesetzt. Ich weiß, es ist ziemlich schwer zu deuten, aber jeder sollte sich mal genau auf die Lyrics einlassen und es versuchen. Es lohnt sich.

FatCat hat euch ja nach eurer dritten oder vierten Show überhaupt unter Vertrag genommen. Was haben die denn zu euch gesagt?

James: Nicht viel (lacht). Die kamen mehr oder weniger direkt mit dem Vertrag an und wir so: "Euer Ernst?". Letztendlich haben wir dann sofort unterschrieben und uns noch kurz mit denen unterhalten, wo und wie wir das erste Album aufnehmen. Dann haben sie uns mehr oder weniger direkt in die USA geschickt, um das Album aufzunehmen. Das war alles total irreal. Im einen Moment spielst du noch vor deinen Freunden und deiner Familie in irgendeinem Pub, und im nächsten machen plötzlich Leute von dir in New York Fotos. Wir wissen aber auch, dass wir mit all dem jede Menge Glück hatten. Das passiert so wirklich nicht jeder Band. Normalerweise spielst du dir ja jahrelang den Arsch ab, bevor dich mal irgendjemand entdeckt. Wird sind schon sehr dankbar und glücklich, wie das alles gelaufen ist.

Habt ihr deswegen vielleicht auch ein paar Bedenken, dass alles genauso schnell wieder enden könnte, wie es angefangen hat?

James: Ich denke, wir werden niemals eine dieser Bands, die weltberühmt und auf allen Titelseiten zu sehen ist. Wir sind eher eine der Bands, die einfach nach und nach ein wenig mehr wächst und damit meine ich nicht unbedingt den Erfolg, sondern einfach uns als Menschen in einer Band. Damit sind wir glücklich und das wollen wir einfach nur machen. Wir wollen nur loyale Fans haben und immer wieder neue Alben aufnehmen. Alles in allem ist das nicht viel und wer nicht viel will, der verliert letztendlich auch nicht viel. Wenn wir irgendwann vielleicht keinen Bock mehr haben, dann ist es eben so, aber Angst davor haben wir nicht.

Gibt es nichts, was ihr definitiv mit der Band noch erreichen wollt, was noch nicht eingetroffen ist?

James: Äääääähm... Mit den anderen Bandmitgliedern kommunizieren? (lacht) Und Geld verdienen! Bisher ist die Sache noch nicht so rentabel und ein wenig braucht halt jeder, um auch mal zwischen den Touren über die Runden zu kommen.

Ihr habt ja mit vielen schottischen Bands in den letzten Jahren getourt und ihr werdet ständig nach eurem schottischen Akzent ausgefragt und überhaupt nach eurem Heimatland gefragt. Geht euch das nicht manchmal auf die Nerven, ständig in diese Schottland-Schublade gesteckt zu werden?

James: Gute Frage. Wir sind einfach Schotten, das ist offensichtlich (lacht) und daran können wir nunmal nichts ändern. Dass da viele Fragen diesbezüglich kommen, kann ich nachvollziehen und im Prinzip stört uns das nicht wirklich. Es geht uns mittlerweile nur unglaublich auf den Zeiger, wenn die Leute ständig nach der Musikszene in Glasgow fragen. Wir können das nicht beantworten, weil wir eigentlich kaum noch dort sind. Da müssen wir immer auf andere Bands von dort verweisen. Aber davon abgesehen darf man uns natürlich immer Fragen zu Schottland stellen. Wir sind eigentlich schon Experten darin (lacht).

Das glaube ich. Kommen wir abschließend noch zu der Frage, was ihr die nächsten paar Monate vorhabt. Neues Material ist noch nicht entstanden, oder?

James: Doch, wir haben tatsächlich schon ein wenig was aufgenommen. Dieses mal wird es auch nicht so lange dauern, bis das nächste Album erscheint. Tatsächlich planen wir schon nächstes Jahr ins Studio zu gehen. Im Januar kommt dann die nächste Single "The Room" raus. Was aber für viele ziemlich interessant sein dürfte, ist ein 12´´ Vinyl Release, den wir auch für Anfang nächsten Jahres planen. Darauf gibt es dann zwei Songs, die es nicht auf das Album geschafft haben. Das sind keine typischen B-Seiten, sondern wirklich gute Songs, die einfach nicht in den Kontext von "Forget The Night Ahead" passten. Besonders einer davon ist ein richtiges Monster und ist uns sehr wichtig. Und davon mal abgesehen steht natürlich das Touren ganz weit oben für 2010. Wir kommen auch sicher wieder nach Deutschland zurück für Konzerte und Festivals.

Benjamin Köhler

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