Interview

Blackmail


Vor dem Konzert im Wiesbadener Schlachthof treffen wir Bassist Carlos und Drummer Mario. Aydo spielt nebendran eine Runde Karten und lauscht mit einem Ohr dem Gespräch.

Wir sollen euch von Virginia Jetzt ausrichten, das es 1:0 für euch steht.

Mario:(fängt an zu lachen) Aydo! Schönen Gruß von Virginia Jetzt. 1:0 für uns.

Aydo: Wieso?

Es hat was mit dieser Stadt zu tun.

Aydo: Achso ja. Es steht mitlerweile sogar 4:0!

Wieso? Was ist denn noch vorgefallen?

Aydo: Das weiß ich gar nicht, aber ich hab das jetzt mal so gesagt.

Ihr habt den ganzen Sommer über Festivals gespielt, jetzt seid ihr auf eigener Tour. Was macht ihr lieber?

Mario: Also ich persönlich lieber Clubgeschichten. Da hast du ein bißchen Publikumsnähe, die bei einem Festival halt nicht stattfindet und auch mehr Zeit. Und das ist unsere Tour, das heißt, die Leute kommen halt auch wegen uns. Auf Festivals bist du halt eine von vielen Bands. Obwohl du auf Festivals die Chance hast als Zuschauer auch mal ganz andere Sachen zu sehen, die dich interessieren, wenn es die Zeit zulässt.

Habt ihr das Gefühl die lange Festivaltour hat was gebracht? Gibt es Leute, die jetzt kommen und sagen: "Ich hab euch schon auf dem Festival gesehen und bin jetzt hierher gekommen."?

Mario: Ich denke schon. Ja, doch.

Als das Album kam, hat Aydo gesagt, das Album wird polarisieren. Wie sind die Reaktionen auf der Tour? Friend or Foe?

Mario: Ich denke schon Friend. Es wird auf jeden Fall angenommen.

Carlos: Das ist halt so'n Spruch gewesen, das polarisiert eigentlich nicht so. Es geht ja da weiter, wo die "Science Fiction" aufgehört hat.

Würdest du dann "Bliss, Please" eher als Ausflug oder eher als Ausrutscher bezeichnen?

Carlos: Wissen wir noch nicht. Das war so eine Zeit nach "Science Fiction" wo wir halt ein bißchen was anderes machen wollten. Die ruhigen Sachen liegen uns halt auch, aber jetzt wollten wir wieder ein kompaktes Rockalbum machen. Die "Foe"-EP, die ja eigentlich dazu gehört, da sind ja schon wieder ein paar ruhige Sachen drauf.

Seid ihr mit dem Verlauf des Albums zufrieden?

Carlos: Ja, wir sind sehr zufrieden, es ist gut gelaufen. Es ist halt sehr schwierig zur Zeit. Viele Labels drehen am Rad, viele Bands müssen gehen, Umsatzrückgänge, das ist schon schwierig, man merkt das. Aber bei uns war Zuwachs, wir konnten uns da noch steigern.

Mit der Plattenfirma gab es ein paar Streitigkeiten, sie wollten eine andere Single als ihr. Regt ihr euch über das kommerzielle Denken der Firmen auf?

Carlos: Das ist normal. Da redet man drüber und kommt dann auf einen Nenner.

Aber ihr habt auch mal gesagt, dass ihr auf keinen Fall eine Single-Band sein wollt. Euch interessiert eher von vorne bis hinten kompaktes Album.

Mario: Jaja. Also Singles ist schon wichtig, dass die Leute halt auf den Geschmack kommen.

Als das Album veröffentlicht wurde, habt ihr gesagt, ihr wärt eurem Ziel, dem Meisterwerk, sehr nahe. Aber ein Album braucht ja immer ein bißchen Zeit. Wieviel Prozent seid ihr jetzt an eurem Ziel?

Mario: Ich weiß nicht, ob man das jetzt prozentual ausdrücken kann. Bei der "Bliss, Please" gab es noch sehr unterschiedliche Meinungen intern der Band über das Endresultat, hier waren wir uns alle sehr schnell einig. Jeder war zufrieden mit dem Endresultat. Und Meisterwerk ist schwierig zu sagen, das kristallisiert sich ja erst nach einem längeren Zeitraum heraus.

Die Kritiken waren alle sehr gut. Die Albumverkäufe konnten aber mit internationalen Rockbands nicht mithalten. In der laut.de-Artistinfo steht: "Wenn Blackmail aus Amerika kommen würden, würden sie sich die Billboard-Charts von oben anschauen und mit den Queens Of The Stoneage auf Tour" gehen."

Mario: Das könnte durchaus sein. Das traut man auf dem weltweiten Musikmarkt einer deutschen Band nicht zu, warum auch immer. Das ist auf jeden Fall ein Problem. Amerikanische oder englische Bands haben immer so einen Bonus, was mich persönlich auch immer stört. Ich kenn sauviele gute deutsche Bands, die es nie irgendwie gepackt haben.

Wollt ihr eigentlich auch im Ausland Fuß fassen?

Mario: Wir versuchen gerade ein bißchen Fuß zu fassen europaweit. Sogar Japan ab Janaur, erstmal Import und dann mal schauen was geht. Aber wir wollen natürlich schon raus aus Deutschland. Wäre schade wenn der Rest der Welt das nicht mitkriegt.

Die Kritiken auf deutsche Bands im Ausland sind ja schon sehr gut teilweise. The Notwist bekommen in England Bestnoten.

Mario: Es gibt natürlich Ausnahmen, aber in der Regel kannst du davon ausgehen, dass sie nicht unbedingt gut ausgenommen werden. Es ist halt schwieriger für eine deutsche Band im Ausland Fuß zu fassen wie umgekehrt.

Warum? Haben die zuviel davon?

Mario: Die haben zuviel. Was funktionieren würde ist Kraut-Rock. Notwist, da kann ich dir eine ganz klare Erklärung für geben: Schlechtes Englisch und ein bißchen abgedreht, ähnlich wie Ken. (Nebenprojekt von Sänger Aydo, Anm. d. Redaktion) Das ist super exotisch für die, das können die halt noch nicht so fassen.

Inzwischen seid ihr in Deutschland konkurenzlos. Die Musikpresse hält nur noch Vergleiche mit Placebo oder den Queens Of The Stoneage für angebracht. Hasst ihr diese Vergleiche?

Mario: Was heißt hassen? Man kann es halt irgendwann nicht mehr hören, weil es wirklich oft gesagt wird. Einen Hass kriege ich mittlerweile bei Placebo. Ist halt auch eine Band, die mir mittlerweile nicht mehr so sehr liegt. Problematisch ist halt, dass Aydo oft mit Brian Molko verglichen wird, auch optisch teilweise. Ich bin auch nicht mehr objektiv um das zu beurteilen, muss ich sagen. Ich kann es halt nicht nachvollziehen. Dann eher Queens Of The Stone Age, das würde mich eher ehren!

Carlos: Ein etabliertes Magazin hat damit mal angefangen und die schreiben ja eh nur voneinader ab. In England oder im Ausland würde das kein Mensch sagen, weil das totaler Quatsch ist. Aydo ha eine ähnliche Stimmlage, aber ist halt auch Millionen von Lichtjahren von Molko entfernt. Aydo singt besser.

Wenn ihr jetzt im Ausland anfangen wollt, welche Band würdet ihr denn da gerne mal supporten?

Mario: Ozzy Osbourne. Haha! Ich wüsste es jetzt nicht so, aber dummes Beispiel: Wenn jetzt Muse sagen würde, in England nehmen wir mal Blackmail mit, klar würden wir das machen.

Bekommt ihr außer Hotels und Clubs was von den Städten mit in denen ihr spielt?

Mario: Wir kriegen schon ein bißchen was mit, wir waren zum Beispiel heute hier im MediaMarkt und haben etwas Geld ausgegeben für DVDs und CDs. Und dadurch, dass wir nicht im Hotel absteigen, sondern mit einem Nightliner unterwegs sind, sind wir immer relativ früh vor Ort. Und dann ist auch mal ne Stund eoder zwei spazieren gehen oder Sightseeing.

Wenn ihr bei ROCKamRING spielt, ist das ein Rockfestival von vielen oder merkt man das besondere Flair?

Carlos: Ich sag dir eins: Das ist natürlich nicht eines von vielen, sondern das Rockfestival überhaupt. Park liegt uns aber eher, das ist ein bißchen kleiner und auch wesentlich freundlicher, die ganzen Techniker und Betreuer. Aber es ist immer wieder aufregend.

Mario: Das liegt aber auch ein bißchen an der Location. Rock am Ring ist ja so weitläufig und Rock im Park liegt irgendwie alles so günstig, du kannst alles locker zu Fuß machen.

Habt ihr euch noch andere Bands angesehen?

Carlos: The Hives!

Mario: Das war echt sehr, sehr geil. Maiden haben wir uns auch mal angeguckt, war witzig. Wir sind jetzt keine Metaler, wir haben's auch nie wirklich gehört, aber da hatte man mal die Chance, die alten Herren mal zu sehen.

Es gab einige deutsche Bands, die dieses Jahr sehr oft gebucht worden sind. Virginia Jetzt oder Tomte haben sehr viele Festivals gespielt. Ist das dann so ein bißchen Familie?

Mario: Ja ein bißchen so. Man kennt sich dann halt auch, sieht sich Backstage, trinkt mal einen und hat ein bißchen Spaß. Familymäßig...

Carlos: ... gibt es die Sportfreunde. Wir haben 1999 das erste Mal auf dem Bizarre zusammen gespielt. Und die sind super nett und wir freuen uns immer die zu sehen. Und Aydo und Thees verstehen sich eigentlich ganz gut. Und da gibt's schon ein paar, besonders Virginia Jetzt. Wir müssen uns ja auch zusammentun, wir sind ja eine Minderheit, es ist ja nur Ami-Alarm!

Apropos Ami-Alarm. Was haltet ihr von der Deutschquote, die nun eingeführt werden soll?

Carlos: So wie in Frankreich?

Mario: Find ich gut.

Carlos: Ich würde es nicht so krass durchziehen wie die Franzosen. Aber finde es schon gut.

Mario: Da ist das ja fast schon gesetzlich verankert. Ich fände es gut, wenn man deutsche Bands halt mehr fördern würde. Gezwungen ist schon wieder beschissen. Aber nationalen Acts sollte man mehr Chancen im Radio geben. Was hört man da? HipHop und R&B. Ich kann's mittlerweile nicht mehr ertragen.

Kennt ihr die Helga-Rufe?

Mario: Ist mir noch nie aufgefallen. Bei uns rufen die immer: "Placebo! Placebo!"

Die Tour geht im nächsten Jahr weiter?

Carlos: Im Februar in Österreich und der Schweiz.

Mario: Und dann haben wir vor ein neues Album zu machen. Wir werden jetzt im Dezember und Janaur im Studio ein bißchen was arbeiten. Wir müssen jetzt auch im Dezember in's Studio gehen, weil wir machen für einen Film einen Soundtrack. Der nennt sich "Kammerflimmern", soll Mitte nächsten Jahres in die deutschen Kinos kommen und da liefern wir mit Lee Buddah zusammen die Songs.

Letzte Frage dann: Was habt ihr euch vorhin im MediaMarkt gekauft?

Carlos: Frag lieber nicht!

Mario: DVD Kaminfeuer für den Fernseher.

Für im Tourbus?

Mario: Nö, für mich daheim.

Carsten Roth

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