Rezension

Xiu Xiu

Forget


Highlights: Wondering // Hay Choco Bananas // Jenny GoGo // Forget // Faith, Torn, Apart
Genre: Experimental // Noise-Pop
Sounds Like: Depression // Portisheads Third

VÖ: 24.02.2017

Einmal zerfetzen und auch häuten, bitte! Xiu Xiu bleibt seinem destruktiven Schizo-Pop treu – und das seit nun 15 Jahren. Toll! Jamie Stewart flüstert, schreit und singt, wie gewohnt, verstörend. Seine Stimme rangiert zwischen weinerlich, ätherisch, engelhaft, wütend und verspielt. Thematisch passt das zu dem entblößenden Selbsthass, verzweifelten Kontaktsuchen und zurückgewiesen werden beziehungsweise selbst zurückweisen. Das Ganze klingt offensichtlich nicht nach guter Laune...

Falsch gedacht! Je öfter die Platte durchläuft, desto häufiger entdeckt man Lichtmomente, die gut und zugegeben auch mal düster und mal abgefucked hart vorbereitet werden. Immer wieder zerreißt die zuvor kleingeredete Welt in großen Soundexplosionen. Mit präzisem Songwriting besticht Xiu Xiu schnell. Das Album bietet Abwechslung. Eben noch schiebt dich die Orgel von "Hay Choco Bananas" durch eine verlassene Kirche und von der Balustrade singt jemand:

„When you leave, all light will end!“ oder „You called me a mattress!“

Dann wirst du mit vibrierenden Synthesizern von "Jenny GoGo" abgeholt und befindest dich klanglich in einer queeren Version des Soundtracks von Terminator, 1994. ALTEER! Das fordert und begeistert gleichermaßen. Einzig das Schlagwerk bleibt konstant: Das hilft ungemein. Elektronisch erzeugt nähert es sich kaum einem richtigem Drumset. Zumindest wird einem das Ohr nicht ganz abgerissen.

Das Reißen, Schieben und Drücken sind nicht nur Wörter, die probieren, die Musik zu beschreiben. Es ist wirklich der Sound der Band. Die Zerrissenheit, die Xiu Xiu zusammenhält, erreicht auf diesem Album eine neue Qualität. Allein Beginn und Ende: "Forget" startet unvermittelt mit einem harten Rap und endet wiederum mit einem aufgeklärt vorgetragenem Gedicht in einem 8-Minuten-Koloss. Ganz so, als wäre der Schmerz des Anfang vergessen worden. Möglicherweise ist "Forget" der einzig logische Schlüssel, diesem existenziellen Schmerz auszuweichen. Zum einen als das Vergessen, zum anderen als das Gießen musikalischer Skulpturen. Letzteres beherrschen Xiu Xiu zweifellos.

Peter Heidelbach

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