Rezension

White Lies

To Lose My Life...


Highlights: A Place To Hide // From The Stars // Farewell To The Fairground
Genre: Post-Punk // Wave // Dunkelpop
Sounds Like: Editors // Interpol // Joy Division // The Killers // U2 // Tears For Fears

VÖ: 03.04.2009

Die White Lies treten mit einer schweren Hypothek auf die Bühne der globalen Popmusik. Dem Werbe-Beipackzettel zum Album ist zu entnehmen, dass ihre Plattenfirma ganz offenbar nicht weniger von ihnen erwartet, als in die Fußstapfen von U2, The Killers, Coldplay und Kings Of Leon zu treten. Erster Schritt auf dieser Reise ist ein Album, das mit Poppigkeit der Killers die Schwermut von Interpol abdämpfen und die erste Tür zum Stadion also aufstoßen soll, ohne dass die Glaubwürdigkeit bei den Hipstern und Nerds auf der Strecke bliebe. Wie soll das nur gelingen?

Vermutlich gar nicht. Es mag sein, dass die White Lies auf Dauer oder mit einem Folgealbum eine neue Lieblingsband werden. Das Potential ist vorhanden, doch erscheint das Debüt zu halbseiden, zu sehr als Kopie einer Kopie oder vielleicht doch eher als Kopie zweier Kopien, die sich im Einzug des Kopierers verheddert haben. Das führt pauschalisiert zu folgendem Grundcharakter der Songs: Düster orgelt das Keyboard los, es gesellt sich hinzu, was im Bassbereich erklingen mag, und Harry McVeigh trägt die Texte des Bassisten Charles Cave vor. Die Stimme versucht erfolgreich den gleichen Pathos zu transportieren, wie ihn The Killers’ Brandon Flowers seit „Hot Fuss“-Tagen als Markenzeichen pflegt. McVeighs Gesang weiter zurück zu verfolgen bis – zum Beispiel – Ian Curtis oder Ian McCulloch wäre jedoch zu viel Kompliment. Der hallend theatralisch-schwülstige Gesangsstil trifft den Kern der ebensolchen Texte. Voll feierlicher Dramatik erscheinen sie doch als lyrisches Geschichtenerzählen mit Hang zum Kitsch, das sich an die musikalisch, lyrisch wie physisch langsam Erwachsenen richtet. Texten wie Vortrag fehlt bei aller gefühlsbetonten Finsternis die wahre Emotion, sie scheinen mehr die Ware Emotion vorzuführen.

Die musikalische Umsetzung von Nacht und Schatten des Lebens, wie die Texte es transportieren, changiert zwischen poppigen Hymnen und bombastischer Tragik. Diese Ambivalenz des Klangs mögen die Produzenten verantworten. Ed Buller hat Pulp und Suede in seinem Portfolio, Max Dingel arbeitete mit The Killers und Glasvegas. Im Albumverlauf gestalten sich die beiden überlappenden Klangmengen als sakrale Synthesizer, treibende Rhythmussektion und lärmende Gitarren einerseits, schmalzig schöne Streicher, hallende, kollektive Verzückung hervorrufende Keyboards andererseits. Dies macht aus den zehn Stücken auf „To Lose My Life…“ ebenso viele potentielle Single-Auskopplungen und kleine Hits. In dieser Häufung aber plätschert das Album dann eben eher an einem vorbei: eine nette Begleitung, eine angenehme Gefühlsachterbahn ohne bleibende Wirkung und herausragende Höhepunkte. Das Gesamtpaket weckt Erinnerungen: Während „Fifty On Our Foreheads“ und „A Place To Hide“ musikalisch die frühen U2 heraufbeschwören und deren Verbeugung vor Joy Division, besteht nicht nur in „Death“ oder „From The Stars“ die Möglichkeit statt des eigentlichen Textes The Killers’ „Mr Brightside“ anzustimmen. Das Titelstück steht irgendwo zwischen letzteren und Maxïmo Park. Die weiteren möglichen, subjektiven Vergleichsmuster lauten Echo And The Bunnymen, Tears For Fears, Editors und Interpol.

Ähnlichkeit der einzelnen Stücke, rein begleitender Charakter des Albums und offensichtliche Referenzen der drei Jungspunde namens White Lies lassen „To Lose My Life…“ als wenig lohnend erscheinen. Wird es zudem noch als schmutzabweisendes Hochglanzprodukt bezeichnet, vertieft sich dieser Eindruck. Demgegenüber muss eingewandt werden, dass ein Begleiter voller karamellisierter Dunkelheit auch seine Vorzüge besitzt, dass die Beschreibung eines durch und durch emotionale Gemeinplätze ansprechenden Dunkelpop-Albums durchaus eine ansprechende Perspektive für den Alltag darstellt.

Oliver Bothe

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