Rezension

Sufjan Stevens

The Avalanche


Highlights: The Avalanche // Dear Mr. Supercomputer // The Mistress Witch From McClure // Pittsfield
Genre: Singer/Songwriter // Indie-Pop
Sounds Like: Iron & Wine // M. Ward // Danielson // The Shins // Elliott Smith

VÖ: 21.07.2006

Wenn es in den letzten Jahren einen Musiker gab, der sich den 80 Minuten, die eine handelsübliche CD fasst, stets bewusst war, dann Dear Mr. Supersongwriter Sufjan Stevens. Der, das sei hier denjenigen verraten, die sein Konzert in Köln verpasst haben, bei eben jenem andeutete, eigentlich lieber Siegfried zu heißen. Viele Worte wurden schon verloren über sein 50-Staaten-Projekt und darüber, dass er etwas fokussierter zu Werke gehen müsse, wolle er die dazugehörigen 50 Platten tatsächlich aufnehmen und veröffentlichen. Doch Stevens' Fokus liegt nicht auf der Vollendung seiner Projekte. These: Er konzentriert sich lieber auf die Vollendung seiner Musik. Beweise: Gibt's genug.

Mit "The Avalanche" kommt noch einer dazu. Wer dachte, mit "Illinois" sei alles gesagt gewesen über - nun ja, Illinois - hat sich getäuscht. Die Tatsache, dass "The Avalanche" auf dem Cover als "Outtakes And Extras From The Illinois Album" angepriesen wird, ist zweifelsohne Tiefstapelei. Immerhin handelt es sich bei "The Avalanche" um ein Album mit einer Spieldauer von einer Stunde, 15 Minuten und 55 Sekunden, auf dem (abgesehen von drei neuen Versionen des "Illinois"-Hits "Chicago") durchweg neue, wie gewohnt großartige Songs zu finden sind. "Another Fantastic Record About Illinois Recorded At The Same Time As The Illinois Album" hätte da schon besser gepasst.

Diesen Eindruck gewinnt man jedoch erst mit der Zeit. Unscheinbar sind die Songs zunächst, fast denkt man, es handle sich um ein weniger gutes Stevens-Album. Doch nach einigen Durchläufen offenbaren sich Melodien von einer Schönheit, wie man sie nur von ihm kennt. Ob in den besonders ruhigen Stücken "The Mistress Witch From McClure (Or, The Mind That Knows Itself)" und "Pittsfield" oder in den offensichtlicheren Hits "Dear Mr. Supercomputer" und "The Henney Buggy Band", immer wieder wird unmissverständlich klar, dass Sufjan Stevens derzeit in einer anderen Liga als die meisten übrigen amerikanischen Songwriter spielt.

Da es aber nichts Vergleichbares gibt, ergibt sich folgendes Problem: Wie soll man die Musik beschreiben? Einen Versuch am Beispiel des Titelstücks kann man ja mal wagen. Das Lied beginnt ruhig und folgt zunächst dem klassischen Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Schema, bis es sich zu einem mehrstimmigen Finale steigert. Pfui. Klingt nach einer besonders schlimmen Gedichtinterpretation. Aufhören!

Was lernen wir daraus? Oft lässt sich Musik eben nicht beschreiben, zumindest nicht der eigentlich interessante, wichtige Teil. Wie sich die Musik anfühlt. Dazu kann man bei Sufjan aber eines pauschal sagen: Gut. Sie fühlt sich gut an.

Mario Kißler

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