Rezension

Sufjan Stevens

All Delighted People


Highlights: All Delighted People (Original Version) // Enchanting Ghost // From The Mouth Of Gabriel // Djohariah
Genre: Indie // Singer-Songwriter
Sounds Like: Iron And Wine // Danielson // The Welcome Wagon // Anathallo // Andrew Bird // Half-Handed Cloud

VÖ: 20.08.2010

Natürlich, diese Sinfonie über den Brookly-Queens-Expressway, die Sufjan Stevens letztes Jahr veröffentlicht hat, war schon ganz gut, eigentlich auf ihre Weise sogar ziemlich großartig. Aber viel lieber hätte man anstatt dieser Instrumentalstücke doch neue Songs von ihm gehört - immerhin sind inzwischen vier Jahre seit dem randvollen Illinois-B-Seiten-Album „The Avalanche“ vergangen. Spätestens nach den deutlichen Aussagen, die der Musiker letztes Jahr in einem Interview machte, dürfte wohl kaum jemand damit gerechnet haben, in allzu naher Zukunft ein reguläres Album von ihm zu hören:

„I'm wondering what am I doing? What is a song even? I'm questioning, what's the point of a song? Is a song antiquated? Does it have any power any more? The format itself-- a narrative song with accompaniment-- is really beyond me now.”

Umso größer war die Überraschung, als diesen August ohne jegliche Vorankündigung eine EP veröffentlicht wurde, die er uns mit ihrer knapp einstündigen Laufzeit auch als Album hätte verkaufen können. Aber nein, ein Album sollte es 2010 auch noch geben, die „All Delighted People EP“ sei der lediglich der Vorbote dafür. Was auch immer mit Stevens in den letzten Monaten geschehen sein mag - das Ergebnis, das er mal eben als digitalen Release auf den Markt warf, bedeutete nicht nur die Beendigung seiner Schaffenskrise, sondern ist vielleicht sogar seine beste Veröffentlichung überhaupt.

Irgendwo zwischen dem akustischen Sufjan Stevens aus "Seven Swans"-Zeiten, ausufernden, fast ihre Struktur verlierenden Arrangements wie von „The BQE“ und oft dissonanten elektronischen Einsprengseln, wie man sie von seinen ersten Alben kennt, ist diese EP verortet. Sie ist ein Abbild all dessen, was Sufjan Stevens in der Vergangenheit geschaffen hat und zugleich eine Überleitung zu dem musikalischen Wahnsinn, den er auf „The Age Of Adz“ betreibt.

Doch trotz dieser einzigartigen Stellung, welche die EP in Sufjan Stevens' Diskografie einnimmt, trotz all der aus den verschiedensten Richtungen kommenden Fäden, die sie aufspannen, wirkt sie weder überambitioniert noch wie eine lose zusammenhängende Ansammlung verschiedener Songs. Vom epischen Intro von „All Delighted People (Original Version)“ bis zum schmerzlich-schönen Ausklang des 17minütigen, an seine Schwester gerichteten „Djohariah“, das einem mit den Worten „Go on! Little sister! Go on! / For you’re beautiful, beautiful / All the fullness of the world is yours” fast die Tränen in die Augen treibt – diese EP ist unglaublich dicht, stets überraschend und so mitreißend, dass sie selbst nach einer Zahl von Durchgängen, die jenseits von Gut und Böse liegt, nichts von ihrem Reiz verliert und so faszinierend wie beim ersten Hören klingt.

Man kann diese acht Songs unmöglich beschreiben, ohne sich in den zahllosen Details zu verlieren, die einem den Kopf explodieren und das Herz brechen lassen. Sufjan Stevens’ Stimme klingt nicht mehr so sanft und zerbrechlich wie früher, ist aber mindestens so ausdrucksstark. Sei es das Falsett, mit dem er in „Djohariah“, über das nicht genug lobende Worte verloren werden können, nach 13 Minuten den Namen seiner Schwester singt, all den vorausgehenden Noise-Eskapaden der E-Gitarre ein Ende setzt und eine komplette Kehrtwendung einleitet oder der verhallte Gesang im schaurig-schönen „The Owl And The Tanager“ - „All Delighted People“ ist vom ersten bis zum letzten Ton ein unglaublich intensives Hörerlebnis.

Wie auch immer Sufjan Stevens es angestellt hat, innerhalb weniger Monate den Ausweg aus seiner musikalischen Sackgasse zu finden und diese atemberaubend schönen Songs zu schreiben, man muss froh sein, dass es ihm gelungen ist. Für eine solche EP wartet man gerne ein paar Jahre.

Kilian Braungart

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