Rezension

Sufjan Stevens

Carrie & Lowell


Highlights: Should Have Known Better // All Of Me Wants All Of You // Fourth Of July // No Shade In The Shadow Of The Cross
Genre: Singer-Songwriter // Folk
Sounds Like: Jeff Buckley // Nick Drake // Iron & Wine

VÖ: 27.03.2015

2010 schien das Ende eines Wegs erreicht zu sein. Bereits im Vorfeld der Veröffentlichung der „All Delighted People“-EP begann Sufjan Stevens sich zu fragen, welchen Zweck das Format Song überhaupt noch erfüllen könne. „The Age Of Adz“ wirkte folgerichtig nicht wie eine Sammlung von Liedern, sondern geradezu wie ein Universum aus Melodien, Klängen und Geräuschen, das auch Jahre später noch Raum zur Erkundung bietet und dessen Weiterführung so wenig machbar schien, wie am Universum selbst noch anzubauen. Fünf Jahre später ist Sufjan Stevens wieder bei seinen Anfängen angekommen: Im Folk, im Mikrokosmos des Persönlichen.

2012 starb Sufjans Mutter Carrie. Der Zeit mit ihr und seinem Stiefvater Lowell ist „Carrie & Lowell“ gewidmet – als Erinnerung an die schönen Zeiten, die nicht von den Drogen- und Depressionsproblemen seiner Mutter geprägt waren, als Nachruf, als Abgesang, als Ausdruck und Reflektion des Vermissens: I forgive you, mother, I can hear you / And I long to be near you / But every road leads to an end. Diese Zeilen stehen am Anfang des Openers „Death With Dignity“ und auch wenn Stevens nicht immer so explizit ist, kreisen seine Lieder immer wieder um dieses Thema, teils inhaltlich, teils nur unterschwellig aufgrund der Emotionen, die sie transportieren.

So gelingt es Sufjan Stevens, dass seine Texte, so schön und poetisch sie auch sind, stets intuitiv und nicht gekünstelt wirken. „Carrie & Lowell“ besteht aus kurzen Szenen, aus Fragen, die ihn noch beschäftigen, aus Reflektionen über Vergangenes. Retuschiert wirkt nur wenig, in Songs wie „All Of Me Wants All Of You“ kommt das lyrische Ich nicht besser weg als das lyrische Du. Hier bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit auch, mit sich selbst ins Gericht zu gehen.

So inhaltlich umfassend „Carrie & Lowell“ jedoch ist, so sehr ist es eine Rückkehr zu spärlich instrumentierten früheren Alben wie „Enjoy Your Rabbit“. Mit wenigen Ausnahmen („Fourth Of July“, „John The Beloved“) steht meist die Akustikgitarre im Fokus, je nach Song wird diese noch um wenige andere Elemente erweitert, die oft dazu dienen, den Song ausklingen zu lassen: Sanfte Synthesizer in Postal-Service-Manier in „Should Have Known Better“, sphärische Klänge in „Drawn To The Blood“. Chorale Hintergrundgesänge können mittlerweile schon fast als Markenzeichen von Sufjan Stevens gesehen werden – auch auf „Carrie & Lowell“ finden sie sich und schenken dem Album so noch mehr eine erhabene, fast schon sakrale Atmosphäre.

Nun arbeitet gerade das Genre der Singer-Songwriter oft mit fast identischen Mitteln und Strukturen, und doch stechen manche Künstler und manche Alben einfach, ohne es objektiv beschreiben zu können, aus dem Wust des Mittelmaß hervor, weil sie einen auf einer emotionalen Ebene ansprechen, die andere nicht erreichen. Weil sie einen Teil der Seele vibrieren lassen, die bei der meisten anderen Musik still bleibt, während sie gleichzeitig all die inneren Stimmen verstummen lässt, die uns sonst so oft ablenken. Jeff Buckleys „Grace“ war so ein Album, „O“ von Damien Rice ebenfalls. Auch „Carrie & Lowell“ ist so ein Album. Sufjan Stevens braucht keine Universen mehr zu erschaffen – manchmal kann ein einzelner Stern genauso hell leuchten.

Jan Martens

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