Rezension

Kettcar

Von Spatzen Und Tauben, Dächern Und Händen


Highlights: Nacht // Balu // 48 Stunden
Genre: Indie-Rock
Sounds Like: Tomte // Tocotronic // Travis

VÖ: 07.03.2005

Über Kettcar noch groß etwas zu erzählen ist unnötige Zeitverschwendung. Die Geschichte um die Hamburger Band, die ein Debüt aufnimmt, das überall abgelehnt wird und nach Gründung eines eigenen Labels 30.000 mal verkauft wird, ist wie ein Märchen, aber wahr und inzwischen allseits bekannt.

Nach dem ersten Durchlauf die Feststellung: Klingt wie man es erwartet hatte. Und dann die Angst: Vielleicht auch nur wie eine Kopie von "Du und wieviel von deinen Freunden". Doch der Zweitling braucht Zeit bis man die neuen und variantenreichen Facetten von Kettcar erkennt. Denn Marcus Wiebusch hat vor allem in Sachen Songwriting vieles ausprobiert. War das Debüt noch ein persönliches Werk, hat Marcus nun fiktive Personen entworfen. Zwar tritt auch hier das "Ich" in den Vordergrund, allerdings als Ich-Erzähler und nicht die Person Wiebusch.

Im Opener "Deiche" geht es gleich mal zurück zu ganzen alten Wurzeln, noch vor Kettcar. "Der Kuchen ist verteilt, die Krümel werden knapp." heißt es im politischsten Song des Albums. Und jetzt geht das schon wieder los. Ein paar Zitate müssten reichen um aufzuzeigen warum Wiebusch zu den derzeit besten Songwritern des Landes gehört.

"Das Gute an schlechten Zeiten: Pferde satteln, weiterreiten" ("Einer")

"Wir sind nicht dafür geschaffen uns zu belügen und 48 Stunden können allen, aber nicht uns genügen." ("48 Stunden")

"Frieden ist wenn alle gleich sind, sag an was wir hier haben das Leben das wir lieben, geschützt im Schützengraben" ("Balu")

GHvC-Stammproduzent Swen Meyer hat mal wieder alles richtig gemacht. Die Balance zwischen Gitarren und Klavier ist goldrichtig. Die teilweise schon bombastische Produktion (Kinderchor, Streicher,...) aber nicht überreizt. Nur warum er "48 Stunden" so zahm gestaltet hat und Marcus mit dünner, flüsternder Stimme singt und nicht wie bei den Konzerten mit vollem Volumen ist etwas fraglich. Denoch ist der Song als erste Single richtig ausgewählt, denn dies ist stellvertretend für die Platte: Waren es beim Vorgänger noch die Uptemop-Nummern wie "Landungsbrücken raus" und "Academy", sind nun die Balladen die stärksten Momente von Kettcar. Zum einen das bereits oben zitierte wunderschöne "Balu" und dann als Finale das großartige "Nacht":

"Und alles was ich brauche heut Nacht, eigentlich nicht viel, nur einen Platz von dem aus ich deinen Schlaf beobachten kann."

Von einem Streicherensemble wird man aus der Platte und in die Nacht gewogen. "Die Nackenhaare melden sich zu Standing Ovations" sang Marcus wenige Minuten zuvor in "Tränengas im High-End-Leben". Und genau das passiert jetzt. Gänsehaut von Kopf bis Fuß. Für die Medien sind Kettcar zur Zeit Deutschlands beste Band. Für uns die wichtigste. Denn sie berühren uns und verteidigen mit ihren Worten die Seele, "dieses lustige Gebilde". So sangen Kettcar damals auf dem Debüt. Mit diesem Album werden sie wieder eine paar Tränen trocknen, Herzen flicken und Seelen schützen. Danke dafür.

Carsten Roth

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