Rezension

Kettcar

Ich Vs. Wir


Highlights: Ankunftshalle // Sommer '89 (Er Schnitt Löcher In Den Zaun) // Trostbrücke Süd // Mannschaftsaufstellung
Genre: Indie-Rock
Sounds Like: Tomte // Muff Potter // Element Of Crime

VÖ: 13.10.2017

This is not normal. Wenn es einen einfachen Slogan gibt, auf den Kunstschaffende, Medien und allgemein vernünftig Denkende sich einigen können, ist das wohl dieser, mit dem Weigerung ausgedrückt wird, twitternde Populisten in Machtpositionen, langsam wieder wegbröckelnde Säulen der Gleichberechtigung und die langsam aufkommende Frage, wie eigentlich der Plural von „Rechtsruck“ lautet, einfach so hinzunehmen. Das Einzige, was sich in die warme Wolldecke des Status Quo einwickelt, ist der ewig gleich bleibende Radiosoundtrack. Menschen Leben Tanzen Welt eben.

Wenn Kettcar dann mit „Sommer '89 (Er Schnitt Löcher In Den Zaun)“ aus ihrer Schaffenspause zurückkommen, ist das Medienecho zu einem deutschen Popsong mit Aussage fast schon nicht mehr verwunderlich. Und das, obwohl dessen zeitgeschichtlicher Bezug nicht einmal explizit ist, sondern der Song laut Wiebusch lediglich ausdrücken soll, dass das „Helfen durch Zäune ein tiefmenschlicher Akt ist“.

Klar, dass solchen Songs und solchen Kommentaren Gutmenschen-Kritik folgt. Auf die wird auf „Ich Vs. Wir“ nicht nur mit der Entsicherung des Revolvers („Den Revolver Entsichern“), sondern auch mit einem Song wie „Mannschaftsaufstellung“ geantwortet, der die verschiedensten Stufen der rechten Radikalisierung in die Metaphorik des einzigen Kontexts presst, in dem auch das ausgeprägteste politische Bewusstsein oft nicht vor lemminghafter, fahnenschwenkender Vaterlandsliebe schützt und sich so manches Ich schnell in einem Wir verliert – ein Prozess, von dem auch „Wagenburg“ ein nur allzu klares Bild zeichnet.

Rein thematisch hätte „Ich Vs. Wir“ an manchen Stellen auch das Reunion-Album von Markus Wiebuschs früherer (linker Punk-)Band ...But Alive sein können. Dass es das nicht ist, zeigt sich zum einen musikalisch: Zwar gewinnen Kettcar auch auf ihrem fünften Album keinen Innovationspreis, behalten jedoch, in Poprocknummer wie in Akustikballade, ihr Händchen für Melodien und Singalongs. Und zum anderen fühlen sich die Hamburger im Persönlichen mindestens ebenso wohl wie im Politischen: „Ankunftshalle“ reicht die Schilderung von Wiedersehensfreude, um nicht nur Tränen und Gänsehaut zu erzeugen, sondern um dazu noch klar zu machen, dass auch im verbittertsten Wutbürger in den besten Augenblicken noch Menschen voller Liebe und Freude stecken – genauso wie eben nur ein Buchstabe die Wörter „Leute“ und „Meute“ trennt. Allein dafür ist es wunderbar, dass Kettcar wieder da sind. Wunderbar und wichtig.

Jan Martens

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