Interview

Bosse


Frankfurt im August 2006. Nach der WM ist wieder Alltag in die Stadt am Main zurückgekehrt und mit ihm Axel Bosse und seine Jungs samt dem neuen Album "Guten Morgen, Spinner". Bevor er am Abend rund 150 Zuschauer im Nachtleben begeistern wird, sitzen wir in einem kleinen Straßencafé, trinken Cappuccino und werden von einer älteren Dame beobachtet, die interessiert an unserem Tisch sitzt und Kuchen isst.

Herzlich Willkommen in Frankfurt. Letztes Jahr mit Mando Diao in Offenbach gleich um die Ecke, viele Besucher, jetzt wieder hier im kleinen Nachtleben. Was gefällt dir besser?

Bosse: Ist beides sehr schön, hat beides seine Vor- und Nachteile. Ich persönlich spiel lieber kleine Hallen, wo man die Leute angucken kann. Und natürlich Festivals. Na klar, da sind die Leute nicht wegen uns da, da spielen wir dann auf der kleinen Bühne um 23:00 Uhr, aber dann gegen Depeche Mode oder so. Da muss man dann kämpfen und den Leuten zeigen: Wir haben Bock. Aber jetzt auf der Releasetour sind dann nur die 100 Leute da, die uns auch sehen wollen und das finde ich eigentlich schöner. Hier in Frankfurt rechnen wir gar nicht mit so vielen Leuten. 100 wär sehr schön, 200 wär extrem berauschend. Gestern in München hatten wir 150. Man hat dann auch nicht so den Zeitdruck. Da kann man auch mal zehn Minuten über ein Lied reden oder ´ne Runde Jägermeister ausgeben, davon haben wir so 80 Flaschen im Bus. Das schönste Konzert hab ich bis jetzt echt vor acht bis zehn Leuten gespielt. In Saarbrücken, vor zwei Jahren, wo uns echt noch überhaupt niemand kannte. Denen kann man dann die Lieder noch schön einzeln erklären. Aber die acht, zehn Leute haben sich bis jetzt ungefähr 180 Mal im Gästebuch eingetragen und waren immer wieder da.

Das neue Album habt ihr im Gepäck. Wie groß ist der Reifeprozess seit Kamikazeherz?

Bosse: Extrem. Der Prozess ging los, als das erste Album abgeschlossen war. Wir haben im letzten Jahr 183 Konzerte gespielt, komplett irre, jeden dritten Tag eigentlich, noch mehr. Der Prozess ging damit los, als wir festgestellt haben, dass wir uns alle gerne mögen. Wir sind ne Band geworden, wir haben viel dazugelernt, wir wissen wo wir lang wollen und das merkt man dem Album an, mehr aus einem Fluss, weniger gestückelt.

Das Ende von Bosse als Soloprojekt? Haben deine Kollegen jetzt auch Einfluss auf Musik und Texte?

Bosse: Ja doch. Es war als Soloprojekt gedacht. Als sich meine erste Band aufgelöst hat, das waren damals echt gute Freunde von mir aus meiner Heimatstadt Braunschweig, ist nicht mehr viel von der Freundschaft übrig geblieben. Danach habe ich mir geschworen, wenn ich es noch mal profimäßig mache, dann nur alleine. Jetzt sind wir doch ´ne Band und dann haben natürlich alle darin etwas zu sagen.

Wie waren die Aufnahmen?

Bosse: Das hat mir schon sehr gefallen, wie wir das gemacht haben. Ich glaube, das ist der Traum jeden Musikers zu sagen, wir haben da 16 bis 18 Nummern und die nehmen wir an einem Stück auf, ohne die ganze Zeit den Bass zu tunen. Wir wollten ein Livealbum einspielen. Das hat auch Bock gemacht. Mit Bühnenlicht, mit Liebe zum Detail.

Ihr hattet ja auch mit Moses Schneider einen neuen Produzenten, der auch die Beatsteaks und Kante im Studio hatte.

Bosse: Das war klasse ´nen Typen kennenzulernen, der Musik anders versteht als ich. Ich hab da en Gefühl, ich hab da en Text, ich mach da en Song. Ich glaube, unser erstes Album hätte man komplett anders aufnehmen können. Als Punkplatte oder was raues oder auch als Balladenalbum mit Streichern und allem drum und dran. Der Moses hat es geschafft, durch seine freakige Art mit Musik umzugehen, uns in eine andere Richtung zu prügeln, mit Ideen wo wir dachten, Alter, was will der eigentlich von uns?

Wie oft wurdest du bei der Promo für die neue Platte auf Sven Regener angesprochen?

Bosse: Nicht jedes Mal, aber zu 98%. Der kannte unsere Platte, fand sie wohl auch gut, aber Sven Regener macht ungern etwas mit anderen Leuten. Für GHVC macht er gerne was, da die seine T-Shirts drucken, aber mit so kleinen Pupsbands und anderen Projekten hat er eigentlich nichts am Hut. Die Idee kam von Toto, dem zweiten Produzenten, der mit Moses oft im Team arbeitet. Das einzige Fremdinstrument, das ich wollte, sollte ein fettes Orchester bei "Frankfurt/Oder" sein. Das hab ich dann am Rechner eingespielt und es hat sich total beschissen angehört. Toto meinte, da muss ´ne Trompete rein, jetzt rufen wir Regener an. Ich meinte, kannste knicken, Regener kennt uns doch gar nicht. Toto hat angerufen, er hat abgesagt. Toto hat um die Chance gebeten, die MP3 abzuschicken, kurze Zeit später kam die Mail "Alles klar, wann soll ich kommen?".

Wie kams eigentlich zu dem Titel? Diese Am-Arsch-der-Welt-Idylle kann man ja an vielen Orten erleben.

Bosse: Ich bin oft in Frankfurt/Oder weil meine Oma dort ein Grundstück besitzt. 20km entfernt, hartes Gebiet, nur Felder, sehr schön. Ich war mit meinem Vater dort, hab mal geguckt, wo er groß geworden ist. Ich hab dann auch ´ne Woche später dort gespielt, in irgendnem Club, dann noch zweimal auf irgend´nem Festival und dann bin ich nochmals hingefahren, hab geguckt und hab mir dann endgültig gedacht, das hier ist die tristeste Ecke, noch trister als Bitterfeld und Cottbus, in der ich bisher in meinem Leben war. Für diesen Song habe ich auch etwas Tristes gesucht. Und meine Frau ist eigentlich Frankfurterin. Ich wollte immer was über Frankfurt schreiben und immer was für ihre Eltern und jetzt ist eben dieses /Oder dahinter gekommen.

Auf eurer neuen Single "Die Irritierten" habt ihr auf Remixe oder Liveversionen eurer Songs verzichtet und stattdessen noch drei weitere Lieder draufgepackt. Geschenk an die Fans?

Bosse: Ja, sehe ich schon so. Ich weiß gar nicht, wieviel so eine Single im Laden kostet, da ich kein Singlekäufer, mehr ein Albumkäufer bin, aber die kostet ja schon sechs, sieben Euro. Stolzer Preis. In Zeiten von itunes, wo man sich für 99c ein Lied runterladen kann, muss man sich das schon ausrechnen. Man bekommt zwar was dazu, aber wenig, vielleicht ein Bild gemalt von ´nem super Typen, aber man muss schon draufgucken, was geht. Ich will eigentlich immer unsere Singles als Mini-LPs rausbringen, natürlich für ´nen billigeren Preis.

Was hast du denn für ne Meinung zu Downloaddiensten wie itunes?

Bosse: Ich finde die schon ganz gut, auch weil es was kostet. In den letzten drei, vier Jahren haben die Leute die ganzen Sachen umsonst irgendwo runtergeladen und dadurch, wie bei MTV ganze Dinge weggebrochen sind, da es immer irgendwo um Kohle geht. So können die Leute irgendwo reinhören und vielleicht gefällts ihnen und sie kaufen dann unser ganzes Album.

Wie siehst du die Zukunft des Musikfernsehens, nachdem jetzt auch Kuttner gekickt wurde? Die Sendung, die euch bekannter gemacht hat?

Bosse: Ich kenn mich in dem Sender ganz gut aus. Ich hab da auch mal moderiert, hab das ein, zwei Mal gemacht und war dann auch ziemlich schnell wieder raus. Ich hab das Gefühl, dass die, genau wie die großen Plattenfirmen, nur noch auf Zahlen gucken, auf Einschaltquoten, Dinge aus Amerika übernehmen und sie haben leider überhaupt nichts mehr mit Musik zu tun. Fast Forward ist weggefallen, der tolle Viva 2 Sender ist weggefallen, jetzt Kuttner. Kuttner war für Bands wie uns ´ne große Chance, im TV zu spielen. Ich hoffe eben die ganze Zeit, dass, wie Charlotte Roche es jetzt auf Arte macht, es neue Ideen gibt auf anderen Sendern. Tide TV in Hamburg ist so ein Fall, da laufen nur Videos und wenn man auf die Zuschauerzahlen schaut, dann haben die die gleichen Quoten wie Kuttner. Und das sind einfach Leute wie du und ich, die Bock haben gute Musik kennenzulernen und ich hoffe, dass sich das mehr und mehr entwickelt. Wir sind jetzt bei MTV auf der Powerrotation, das heißt, wir laufen vier Mal die Woche. Wir laufen nachts um 3 oder morgens um 7. Das ist kein Forum mehr.

Gibt es ein Lied, das du gerne mal live covern würdest?

Bosse: Ich wollte immer gerne mal was von Udo Lindenberg covern. "Cello" zum Beispiel würde ich gern mal covern. Wir covern ja Rio Reiser bzw. Ton Steine Scherben "Warum geht es mir so dreckig". Das ist schon geil. Man kann sich dabei gut zurücklehnen, denn man hat ja mit der Musik nichts zu tun, ich hab den Text nicht geschrieben, ich hab den Ton nicht geschrieben. Deswegen kann ich den auf der Bühne auch ganz emotionslos angehen und einfach mal runterschreien. Das ist schon ein großer Anreiz. Ich würd gern auch mal ein ganzes Coveralbum machen, aber erst später, vielleicht wenn bei mir nichts mehr raus kommt, mit 50 rum.

Eure Supportbands sucht ihr selbst aus?

Bosse: Jap. Bei uns bewerben sich immer ganz viele Bands. Bei uns haben sich übrigens auch schon mal Tokio Hotel beworben. Da wühlt meine Frau bei uns im CD-Schränkchen und da sieht die die Tokio-Hotel-Demo. Vom Sänger mit so Krickelschrift drauf geschrieben "Tokio Hotel - Lieber Aki, wir finden euch toll, können wir nicht euren Support machen?". Hab ich mir dann damals angehört und mir gedacht, nee, irgendwie nicht.

Mit wem würdet ihr gerne mal spielen? Egal, wer wen supportet.

Bosse: Ich glaube Juliette Lewis fänd ich super. Ich hab die vor kurzem kennengelernt, da meine Frau auch Connections in diese komische Agentenszene hat und die kannten sich irgendwoher und bei Rock am Ring haben wir uns dann getroffen über ne SMS-Verabredung von den beiden. Geile Band, geile Platte, die würden wir gerne mal als Supportband mitnehmen. (lacht)

Wie hast du die WM verbracht?

Bosse: Ich bin ja vor zwei Wochen Vater geworden, meine Frau während der WM hochschwanger, wir haben fast alle Spiele auf dem Sofa gesehen, haben uns da hingefläzt, sie hat gefressen und ich hab ihr den Bauch eingecremt. Ansonsten fand ich die Zeit ganz urig. Was ich sehr schön finde, bei uns in Hamburg gibt es ein Portugiesenviertel, aber auch auf der Schanze wurde das richtig zelebriert. Ich finde das gut, wenn ganz viele fremde Menschen bei uns in der Stadt zusammen feiern. Fünf Deutschlandfahnen am Auto sind vielleicht übertrieben, aber wenn man dann noch ´ne japanische und ´ne portugiesische dran hängt, ist schon alles wieder gut.

Wie ist das als frisch gewordener Vater jetzt auf Tour?

Bosse: Schwierig. Ich liebe das auf der Bühne zu stehen, mit den Jungs dabei, im Moment aber nicht so. Ich hab mir jetzt ein Base-Handy geholt, ich telefoniere 40 Stunden in drei Tagen mit den beiden, da ich alles wissen muss. Ansonsten gebe ich viel Geld für Flüge aus, damit ich abends mal nach Hause fliege. Zum Glück hat die Tour nur sechs Daten, da fällt man auch nicht um. Berlin, Hamburg kann ich mal nach Hause fahren, heute Frankfurt, da penne ich halt mal hier, morgen Köln, da kommen die dann, das erste Mal, dass das kleine Baby mit im Hotel ist, da kann es sich mal alles angucken.

Und jetzt gibts dann erstmal ´ne Pause, Vaterglück genießen?

Bosse: Nee, gar nicht. Es gibt zwei Anfragen für extrem richtig große Supportshows, die wir gerne spielen könnten, Touren, 40 Konzerte, dann kommt unsere eigene Tour, am Ende ein paar Einzelshows. Das macht dann wahrscheinlich doch wieder 100 Auftritte dieses Jahr. Und wir schreiben gerade am neuen Album.

Berlin oder Hamburg?

Bosse: Hamburg. Ich kenn in Berlin mittlerweile zuviel Leute, die mir zuviel Party- und Freizeitstress machen. Das ist sehr schön, ich hab auch mein kleines Zimmer behalten. Bei mir ist das aber so, ich bin ein extremer Luftopa. Frische Luft ist mir wichtig. In Hamburg ist es so, ich wohne total dicht an der Elbe und ich steh da morgens auf und ich fühl mich wie 26. In Berlin war es immer so, aber auch durch den hohen Alkohol- und Partykonsum, ich wach morgens auf und fühl mich wie an die 50 und seh immer beschissen aus. Hätte ich das noch drei Jahre weitergemacht, dann säh ich so aus, als hätte ich 40 Jahre im Nachtleben gearbeitet und da hab ich irgendwie keinen Bock drauf.

Martin Korbach

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