Interview

Arkells


Mit mehr als anderthalb Jahren Verspätung erschien "Michigan Left", das zweite Album der kanadischen Arkells, im März auch hierzulande. Anlass für uns, uns mit Sänger Max Kerman über "Michigan Left" und seinen Vorgänger zu unterhalten – und ihm abschließend ein paar Klischees über seine Landsmänner um die Ohren zu hauen.

Hallo Max! Es muss euch doch vorkommen, als wären die letzten anderthalb Jahre nie passiert: "Michigan Left" (in Kanada bereits 2011 erschienen, Anm. des Redakteurs) ist hier gerade erst erschienen und ihr spielt wieder in den ganz kleinen Clubs.

Max Kerman: Genau, das ist recht aufregend. Nachdem wir lange in den USA und Kanada getourt hatten, hatten wir ja schon im Herbst das Glück, uns hier in Deutschland vorstellen zu dürfen. Die ersten drei Shows sind auch ganz gut gelaufen.

Wäre es nicht leichter gewesen, "Michigan Left" auch hier als erstes herauszubringen und dann das ältere "Jackson Square" nachzuschieben?

Max: Das sind wir schon mal gefragt worden – uns ist es eigentlich egal, weil wir sowieso Songs von beiden Alben live spielen und das auch gerne tun. Letzten Herbst haben wir uns natürlich schon etwas auf "Jackson Square" konzentriert, weil das gerade erschienen war. Trotzdem ist uns das nicht so wichtig – wir sind froh, dass nun beide Alben erschienen sind und dass wir von unseren Promotern hier gut unterstützt wurden.

Ich wollte zunächst fragen, welches der beiden Alben deiner Meinung nach besser zur "Annäherung" an die Band geeignet wäre – aber da würde sicherlich sowieso jede Band ihr gerade aktuelles nennen, oder?

Max: Wahrscheinlich – aber es ist witzig: Ich habe komplett die Perspektive darauf verloren, was unsere Musik anderen Leuten bedeutet. Das liegt wahrscheinlich daran, dass uns so häufig von allen Seiten gesagt wird, wie unsere Musik gerade angeblich klingt, aber für uns klingt sie einfach immer nach...uns. Insofern kann ich dir nicht sagen, wozu andere besser eine Verbindung aufbauen könnten. In beiden Fällen waren wir sehr zufrieden mit den Songs, die wir aufgenommen haben.

Irgendein Song von "Michigan Left", den du vorschieben würdest?

Max: Hmm. Vielleicht "The Ballad Of Hugo Chavez" oder "Book Club".

Du hast einmal gesagt, "Michigan Left" klinge reifer als sein Vorgänger. Könntest du das näher ausführen?

Max: Bei "Michigan Left" haben wir uns mehr Gedanken darüber gemacht, wie die Platte klingen soll. Ich sage nicht, dass das Album besser ist, aber wir waren auf jeden Fall stärker daran interessiert, verschiedene Arten von Sounds in das Album zu packen und es etwas besser zu produzieren. Das erste Album war noch sehr "geradeaus" – Gitarre, Keyboard, Bass, Drums – und das zweite sollte dann etwas herausfordernder werden. Wir haben einfach mehr versucht. Es war wohl einfach eine Reaktion auf das erste Album – das wollten wir nicht noch einmal schreiben, was leicht gewesen wäre: Man tut oft einfach das, womit man sich wohl und sicher fühlt. Das nächste wird auch wieder anders als "Michigan Left" sein.

Dabei würde eine Band ja NIE zugeben, dass ein Album genau wie das vorherige klingt.

Max: Es ist witzig: Wir hätten nie gedacht, dass anderen die Alben so unterschiedlich vorkommen würden. Eine deutliche Ähnlichkeit war für uns auf jeden Fall vorhanden, aber alle sprachen von solch drastischen Änderungen. Abgesehen von der Produktion gab es aber immer noch einen starken Fokus auf Melodien, wir spielen die Songs immer noch gerne live, so etwas waren für uns die Grundlagen, ob jetzt mehr Keyboards drauf waren oder nicht. Manche nannten "Michigan Left" eine Pop-Platte, aber wenn man die Songs live hört, ändert sich dieser Eindruck auch.

Eine sehr ausgelutschte Frage: Wie kam der Albentitel zustande? Ich weiß, "Michigan Left" (eine Art Straßenkreuzung, bei der man rechts abbiegen muss, um links abfahren zu können, Anm. des Redakteurs) wird im Titeltrack erwähnt, aber der Titel hat für mich auch großes metaphorisches Potential.

Max: Ja, das hat er auf jeden Fall. Besonders der Song handelt von Detroit – eine sehr heruntergekommene Stadt, die in den letzten 40 Jahren stark gelitten hat und gerade versucht, sich zu revitalisieren. Der Song handelt dann auch davon, wie man, wenn man nach seiner Vergangenheit sucht, oft erst in die falsche Richtung muss. Dieses Bild – zunächst in die scheinbar falsche Richtung gehen zu müssen – gefiel mir.

Ich habe mir das Musikvideo zu "Coffee" angeschaut. Habt ihr das bei einer regulären Show gedreht?

Max: Nein, das haben wir aber in einem richtigen Club in Hamilton gedreht, dem "This Ain't Hollywood". Es ist eine Bar in unserer Heimatstadt, in der wir uns gerne Bands anschauen und dessen Besitzer wir auch kennen. Den haben wir dann gefragt, ob wir das Video tagsüber dort drehen dürften. Eine Weile später haben wir dann einen Überraschungsgig dort gespielt, vor ca. 200 Leuten. Ein schönes "Homecoming". Es war also kein herkömmliches Konzert, bei dem auf einmal unsere Väter auf der Bühne stehen.

Waren es denn wirklich eure Väter?

Max: Ja, das waren sie. Sie können auch im wahren Leben keine Instrumente spielen. Um so zu klingen, wie sie es auf der Bühne taten, mussten sie sich schon anstrengen.

Geht euch wirklich so verrückter Kram durch den Kopf, während ihr spielt?

Max: Naja, nicht ganz so lächerlicher Quatsch wie im Video. Wenn ich wirklich müde bin, denke ich manchmal an das Hotelbett.

Wäre doch eine super Ansage: "Ich denke gerade an mein Bett".

Max: Nicht wirklich. Das bleibt unter uns! (Anm. des Redakteurs: Sorry, Max.)

Wann werdet ihr denn das ganze Album als 8-Bit-Version herausbringen?

Max: Der Kerl, der das Musikvideo produziert hat, hat sich um den gesamten Editing-Vorgang gekümmert, wir wussten also nicht einmal, wie es aussehen würde, wir haben nur über das grobe Fundament entschieden. Dieser zusätzliche Teil hat uns auch überrascht, auch wenn es uns als Musikern ganz gut gefallen hat. Von daher: Wer weiß!

Du musst mir abschließend noch eine Textzeile aus "Deadlines" erklären: All those fuckin' Europeans who vacation from September.

Max: Wir haben den Song geschrieben, als wir gerade mit der Universität fertig waren, die Band noch ein Hobby war und wir viel über Fulltimejobs nachdenken mussten. Diesem Song und auch dieser Zeile liegen viel Sarkasmus zugrunde. Man redet oft über die amerikanische Arbeitswoche: 40 Stunden, keine Urlaubstage, unglaublich viel zu arbeiten...Davor hatten wir Angst: In einem Job festzustecken, den man hasst, der aber das ganze Leben bestimmt. Ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist, aber von anderen Teilen Europas heißt es, dass es dort viel mehr Arbeitstage gibt und die Tage anders strukturiert sind, was sich meiner Meinung nach auch positiv auf eine Kultur auswirkt. Und diesbezüglich hatte ich einen Witz gehört, dass Europäer von Januar bis September arbeiten könnten und dann den Rest des Jahres frei hätten, während es bei uns nur ein Monat wäre. Klar, dass das übertrieben ist, aber ihr habt schon deutlich mehr Urlaub als wir. Es sprach also Neid auf den Stereotyp des europäischen Arbeitslebens aus dieser Zeile.

Okay. Dann möchte ich euch auch einmal mit ein paar kanadischen Stereotypen konfrontieren und du sagst mir, inwiefern sie auf dich oder deine Bandkollegen passen. Erstens: Ihr benutzt oft das Wort "eh".

Max: Wahr. Sehr wahr. Ich glaube, wenn ich es benutze, fällt es mir gar nicht auf, aber amerikanische Bands erwischen uns auf Tour immer dabei.

Ihr esst viel Ahornsirup.

Max: Nein. Das tun wir zumindest nicht regelmäßig.

Ihr mögt Curling.

Max: Naja. Curling ist in Kanada wirklich beliebt, aber wir mögen es nicht. So populär wie Hockey oder Baseball ist es aber nicht.

Das bringt mich zum nächsten Punkt: Es gab einen Punkt in deinem Leben, in dem du Hockeyspieler oder Holzfäller werden wolltest.

Max: Ich denke schon! Als Kind liebte ich Hockey, Basketball und Baseball. Es kommt auch darauf an, aus welcher Ecke des Landes man kommt. Ich komme aus Toronto, wo es viele verschiedene Sportteams gibt. Vielen Kanadiern geht es ähnlich, da sie Hockey oft im Fernsehen sehen.

Ein Klischee aus "How I Met Your Mother": Du hast Angst vor der Dunkelheit.

Max: Das hab ich ja noch nie gehört! Eigentlich ergibt das wenig Sinn, weil es so viele ländliche Gegenden in Kanada gibt, fernab aller Highways, wo nirgendwo Licht ist. Daher wohl nicht.

Okay, 2 von 5, eine annehmbare Ausbeute! Danke für das Interview!

Jan Martens

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