Rezension
Twin Shadow
Eclipse
Highlights: When The Lights Turn Out // Eclipse // Old Love / New Love
Genre: Pop // R'n'B
Sounds Like: The Weeknd // Frank Ocean // Blood Orange // Sam Smith // How To Dress Well
VÖ: 24.04.2015
In Deutschland musste man sich für "Eclipse" ein bisschen gedulden oder alternativ zum Import greifen. Mehr als einen Monat später als geplant erschien das neue Twin-Shadow-Album hierzulande, nachdem bereits die halbe Welt in dessen Genuss gekommen war. Und auch die Europatournee von George Lewis Jr. und seiner Begleitband wird noch etwas länger als angedacht auf sich warten lassen, was jedoch angesichts der Ursache zur absoluten Nebensache verkommt. Einen tragischen Unfall mit dem Tourbus in den USA überstanden alle Insassen glücklicherweise lebend, jedoch zum Teil schwer verletzt und auch Lewis selbst brach sich die linke Hand. Im Gegensatz zum Vorgänger "Confess", in dem Lewis laut eigener Aussage einen Motorradunfall und dessen Nachwirkungen verarbeitete, war "Eclipse" jedoch zum Zeitpunkt des Unglücks schon seit geraumer Zeit im Kasten.
Einen morbiden Hauch hat es aber trotzdem, nahm Lewis "Eclipse" doch nahezu im Alleingang nachts in einer Friedhofskapelle auf. Entsprechend dunkle Grundakkorde bilden auch das Gerüst der meisten Songs, mit Ausnahme der supereingängigen "When The Lights Turn Out" und "Old Love / New Love", die auch bei kommerziellen Radiosendern einigen Anklang finden dürften. Zwar wirken die beiden Hybriden aus R'n'B und EDM im Kontext der bisherigen Diskographie etwas befremdlich, passen aber andererseits mit Lewis' Aussage zusammen, er wolle seine Musik leichter zugänglich machen. Extrem verschachtelt waren zwar auch die beiden Vorgänger "Forget" und "Confess" schon nicht, bekamen jedoch trotzdem den Indie-Stempel aufgedrückt, was Lewis, der sich eigentlich seit jeher als Pop-Interpret verstand, eher störte denn schmeichelte. Insofern ist "Eclipse" das wohl persönlichste Twin-Shadow-Album bislang – auch wenn der Wechsel zum Majorlabel auf den ersten Blick anderes vermuten lässt.
Doch der hatte die Entstehung des Albums gar nicht beeinflusst. Der Wechsel erfolgte erst, als Lewis sein bereits vollendetes Werk betrachtete und daraufhin alles unternehmen wollte, um es einer möglichst breiten Hörerschaft nahezubringen. Aber rechtfertigt "Eclipse" Twin Shadows Selbstbewusstsein überhaupt? Und wo sind die genialen Synthesizer von "Confess" hin, die man selbst in den sehr offensichtlich Pate stehenden 80ern kaum so zu hören bekam? Die haben jetzt einen modernen Anstrich, und dazu ebnen dramatische Piano-Melodien den Weg für Bombast-Refrains (zum Beispiel in "Flatliners" und "To The Top") und Lyrics voller Drama und Herzschmerz drücken zusätzlich auf die Tränendrüse. "Eclipse" ist im Gegensatz zu seinen Vorgängern eher im Stadion als den kleinen Clubs zu Hause, auch wenn das trotz Majorlabel im Rücken noch ein etwas ambitioniertes Ziel zu sein scheint. Aber kein gänzlich unrealistisches, denn obwohl Nummern wie der Schlusstrack "Locked & Loaded" die Grenzen der Schnulzigkeit bis aufs Äußerste strapazieren, kann man sich dem Bann des Albums nur schwer entziehen.
Vielleicht liegt das daran, dass George Lewis Jr. alias Twin Shadow das Kunststück gelingt, solche Musik glaubwürdig rüberzubringen – eine Gratwanderung, an der die meisten Interpreten kläglich scheitern. Zumal sich das Faible für große Gesten und schwermütige Hymnen auch auf "Confess" schon abzeichnete. Sicherlich werden viele Hörer der ersten Stunde erstmal verzweifelt versuchen, den Schmalz wieder aus den Ohren zu bekommen, und wer keine hohe Toleranzschwelle für Pathos und Kitsch mitbringt, sollte um "Eclipse" lieber direkt einen weiten Bogen machen. Doch damit kann Lewis leben – dem aktuellen Radioprogramm nach zu urteilen, sollte der "neue" Twin Shadow allgemein gut ankommen.
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