Rezension

Radiohead

The King of Limbs


Highlights: Feral // Lotus Flower // Codex // Give Up The Ghost
Genre: Jazz-Art-Dance-Rockpop
Sounds Like: James Blake // Burial // Thom Yorke // Nicolas Jaar // Johnny Greenwood // The Arcade Fire // Miles Davis // Herbie Hancock // Flying Lotus

VÖ: 18.02.2011

Zunächst muss zugegeben werden, Radioheads „In Rainbows” wurde an dieser Stelle unterbewertet. Jedoch macht der Nachfolger es dem Hörer gleichfalls nicht leicht: Kaum eine Platte und kaum ein Künstler erhält so viele Gelegenheiten, sich zu beweisen, wie sie „The King Of Limbs“ in den letzten Tagen zukamen. Natürlich lohnt sich aber auch nur bei wenigen Bands eine solch intensive Auseinandersetzung, um eine vorschnelle Enttäuschungsäußerung zu vermeiden. Immerhin ließ sich schnell feststellen, dass, im Gegensatz zum sehr homogenen Vorgänger-Album, „The King Of Limbs“ als ausgesprochen heterogene Songsammlung erscheint. Damit ähnelt dies Album in gewisser Weise eher der Bonusdisk zu „In Rainbows“.

Radiohead sind speziell; wie sehr ließ sich in den letzten Tagen im Internet verfolgen. Sie sind es aber auch insofern, als dass jedes Radiohead-Album einer neuen Orientierung bedarf. Immer ist ein erneutes Auffinden einer für diese Platte idealen Hörumgebung nötig. So funktionierte „In Rainbows“ als Verstärker für die Atmosphäre von Neil Gaimans „Neverwhere“, und seine Wirkung wurde von dieser Lektüre amplifiziert. Selbst heute rufen „Videotape“ und „Nude“ sofort Erinnerungen an den Roman herauf. Für „The King Of Limbs“ ist diese ideale Inszenierung noch nicht gefunden.

Wie Artwork und Titel andeuten, steht hier beim neuen Album vieles in einem Natur-Kontext, also vermutlich, im Wissen um das grüne Image der Band, in einem Spannungsfeld des Mensch-gegen-Natur. Mehr als einmal dringt Vogelgezwitscher durch das offene Fenster in die Stücke hinein. Andererseits spricht Radiohead-Hauskünstler Stanley Donwood von einem Märchen- und Fabel-Einfluss auf seine jüngsten bildenden Beiträge zum Radioheadkosmos. Kaum vorstellbar ist, dass dieser sich nicht auf die Musik ausgewirkt hat. So erinnert der Titel „The King Of Limbs“ mit seinem Bezug auf einen 1000jährigen Baum im englischen Savernake Forest durchaus an die nordhessische Heimat der Brüder Grimm und ihre märchenhafte Assoziationen hervorrufenden Wälder.

Harmonisch und die transportierte Atmosphäre betreffend setzt die Band um Thom Yorkes Gesang nahtlos bei „In Rainbows“ an. Wärme, Seele und Geborgenheit durchdringen die gut 37 Minuten. Die erneute Revolution bleibt also aus; die Band verweigert sich einmal mehr den übersteigerten Erwartungen; sie nutzt wieder nicht ihr volles Potential und alle ihrer über die eigene Homepage und das eigene Schaffen offenbarten Inspirationen und Möglichkeiten. Kaum eine Band sieht sich mit solchen Erwartungen konfrontiert: Positiv formuliert begeistert, wie subtil Radiohead ihren Klang erweitert haben, negativ ausgedrückt enttäuscht der Mangel an Fortschritt. Dies geht sogar soweit, dass „Little By Little“ als fast vollständiges Selbstplagiat erklingt. Radiohead bauen sozusagen einen „Distelmeyer“, und auch weitere Stücke beginnen als Selbstkopie – „Morning Mr Magpie“ und „Codex“. Allerdings lenkt die Band diese geschickt in neue Bahnen.

Einmal mehr verdient auf „The King Of Limbs“ Produzent Nigel Goodrich den Status als weiteres Bandmitglied. Fortwährend ist die Vollkommenheit der Arrangements, das Zwingende jedes Instrumenteneinsatzes, jedes kleinen Details und jeder Auslassung zu bewundern. Erneut wird der Stereoraum voll ausgenutzt, um das Erlebnis der Tracks zu maximieren. Abgesehen davon, dass die Band einmal mehr beweist, dass sie perfektioniert hat, wie man den Beginn eines Albums möglichst effektiv in Szene setzt (die aufsteigenden ersten Takte von „Bloom“ ziehen sofort in ihren Bann), ist tatsächlich die Auslassung eines der wichtigsten Elemente auf „The King Of Limbs“. Spannung entsteht an vielen Stellen aus dem, was nicht zu hören ist und was aber da sein könnte. Diese Reduktion führt zu einer besonderen Nähe zu der Musik, sie berührt sofort und allumfassend. Diese Leere suggeriert eine allgemeine Zerbrechlichkeit.

Darüber hinaus greift die Band vieles auf, was in der Ära von „Kid A“ bis „Hail To The Thief“ ihren Klang bestimmte, setzt es aber in leiserer Art und Weise ein. So ist fast jeder Track von der Rhythmik geprägt, die allgemein, aber vor allem in der ersten Albumhälfte einen starken, motorischen und damit monoton krautrockenden Charakter aufweist. Unter den Stücken zeigt vor allem „Feral“ als Kraut-Dubstep, zu was die Band im Stande ist. Ähnlich ist der Radiohead-„Dub“ „Lotus Flower“ zu sehen. Dieser Track verdeutlicht zudem vielleicht am besten, wie die Band heutzutage in kleinen, sozusagen sogar winzigen Schritten ihr Klangbild verändert oder erneuert. Des Weiteren beeindruckt die sphärisch verhallte Piano-Ballade „Codex“. „Separator“ wiederum ist zwar in gewisser Weise typisch für die Band, erneuert aber die so radiohead’schen Harmonien. Neben der Reduzierung auf wenige, perfekt gesetzte Töne, beeindruckt die Inszenierung des Schlagwerks, bei dem tatsächlich gefragt werden muss, ob dies der Computer oder Phil Selway bedient.

In seiner analogen Break-Ästhetik ist das Album wieder, aber stiller, der Jazz-Dance-Rock, wie er auch auf „Kid A“ und „Amnesiac“ zu hören war. „The King Of Limbs“ in all seinen „arty“ Arrangements, seiner Künstlichkeit, die aber berührt, wartet nur auf die Remix-Behandlung durch Nicolas Jaar, James Blake, Burial und Flying Lotus. Dies gilt nicht zuletzt, weil hier – selbst in den melodischsten Momenten – alles Rhythmus ist, wenn es nicht Thom Yorke ist. Interessanterweise zeigen Stücke wie „Morning Mr Magpie“, „Little By Little“ und „Separator“ aber zudem, dass Radiohead Rockband und damit sie selbst bleiben wollen. Somit sollte man sich endgültig daran gewöhnen, dass die Wiederholung der gefühlten Revolution, die „Kid A“ war, ausbleiben wird.

Anmerkung: Der angegebene Veröffentlichungs-Termin bezieht sich auf die digitale Veröffentlichung über www.radiohead.com. Dort kann man auch eine erweiterte Deluxe Edition des Albums erwerben. Als CD, Vinyl und digital über alle anderen Plattformen erscheint "The King Of Limbs" am 25. März.

Oliver Bothe

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