Rezension

Radical Face

The Family Tree: The Branches


Highlights: Summer Skeletons // The Crooked Kind // Southern Snow
Genre: Singer-Songwriter // Folk
Sounds Like: Ben Howard // Sufjan Stevens // Arcade Fire

VÖ: 01.11.2013

Der dreigeteilte Familienbaum nimmt Formen an und bekommt, nachdem er durch die Wurzeln geerdet wurde, nun seine Äste: der zweite Teil der Radical-Face-Trilogie steht zur Debatte.

Das Familienepos, das mit dem 2012er Album „The Family Tree: The Roots“ seinen Anfang nahm, stapelt alles andere als tief: Cooper setzt sich ambitioniert, großflächig und auf unterschiedlichen Ebenen mit der Geschichte einer fiktiven Südstaatenfamilie auseinander, temporärer Schauplatz hierfür ist das 19. Jahrhundert.

Beschäftigte sich „The Roots“ noch mit dialogischer Direktheit zwischen den Figuren, soll auf dem aktuellen Album eher die geschriebene Begegnung Thema sein: Briefe, Notizen oder Tagebucheinträge, die das Familienleben porträtieren, erklingen durch die Arbeit Coopers. Behutsam nähert dieser sich seinen Protagonisten, beleuchtet und verdunkelt Geheimnisse, öffnet und verschließt Wunden, nimmt fallengelassene Erzählstränge auf, lässt sie fallen, verfolgt die großen und kleinen Geschichten und zeigt vor allem Storyteller-Qualitäten, indem er dem Verlauf seiner Geschichten Raum gibt, sich selbst zu entwickeln und selbst im ungesehenen Hintergrund eines Beobachters verschwindet.

Zwar geschieht all dies in bekannter Folkmanier und mit üblicher Instrumentierung, allerdings beweist Cooper erneut sein besonderes Gespür für Harmonien und Timing. Bemerkenswert erscheint der Texturreichtum, der durch das Verweben verschiedener Klangebenen erreicht und mit Coopers eindringlich-sanftem Gesang vollendet wird. Verschwiegen melancholisch, gedankenversunken und betont sensibel geht der Künstler sein Werk an, vermag es jedoch, jeglichen erdrückenden Schwermut fern bleiben zu lassen. So schafft Cooper eine Platte, die gehaltvoll und interessant ist, in die man sich verlieben und für die man sich selbst kurz vergessen kann, lässt jedoch Lichtungen und Raum für atmungsaktive Leere.

Cooper skizziert auf diesem Album den Family Tree etwas differenzierter, lässt die Äste im Wind tanzen, unter Sturm zerbrechen, von Blitzen zerschlagen und in der Hitze vertrocknen: Erhaben und episch!

Silvia Silko

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