Rezension

Protomartyr

The Agent Intellect


Highlights: The Devil In His Youth // Cowards Starve // Dope Cloud // Clandestine Time
Genre: Punk Rock // Post-Punk
Sounds Like: Tyvek // The Fall // Iceage

VÖ: 09.10.2015

Männer jenseits der Dreißig, die in Punkbands singen, können ein erbärmlicher Anblick sein. Zu groß ist die Versuchung, mittels Pennälerwitzen und schlecht sitzenden Kappen das eigene Alter zu übertünchen. Fat Wreck Chords und Epitaph können davon wohl ein Liedchen grölen. Dass man auch in einer jugendbessessenen Musikrichtung in Würde altern kann, zeigt John Casey von Protomartyr. Der Mann stapft mit großen Schritten auf die Vierzig zu und veröffentlicht nun mit seinen zehn Jahre jüngeren Bandmitgliedern das dritte Album „The Agent Intellect“. Brachte der Vorgänger „Under Color Of Official Right“ Protomartyr auf die Liste der hoffnungsvollen Newcomer, überflügelt „The Agent Intellect“ sämtliche Erwartungen und sollte die Band zumindest in einer gerechten Welt auf sämtliche Jahresbestenlisten katapultieren.

„The Agent Intellect“ kann die Erfahrung der Musiker nicht verheimlichen und klingt dann auch wie eine Lehrstunde in Post-Punk-Geschichte. Vorbilder sind The Fall, Pere Ubu oder Joy Division. Letztere besonders deshalb, weil Protomartyr eine ähnliche Faszination fürs Morbide wie die Ikonen aus Manchester haben und in ihren Liedern immer auch ihre sich durch den Abzug der Autoindustrie zersetzende Motor City vertonen. Der Opener „The Devil In His Youth“ setzt sein Versprechen eindrucksvoll um und prügelt dem Zuhörer in atemlosen Fast-Drei-Minuten geschrammelte Akkorde nur so um den Latz. Von Altersmilde keine Spur. Die Band schafft über die gesamte Albumlänge den seltenen Spagat, gleichzeitig brachial und facettenreich zu klingen. Sei es im tobenden „The Hermit“ oder im zurückhaltenden „Pontiac 87“: Die Instrumentierung ist nuanciert, detailverliebt und damit zu klug, um nur eine weitere rückwärtsgewandte Post-Punk-Platte zu sein. Über allem thront der Sprechgesang von John Casey, der nie in hektisches Gezeter wie Mark E. Smith ausbricht, sondern alternierend bedrohlich grollt („Cowards Starve“), wütet („The Hermit“) oder gar resigniert um Fassung ringt („Ellen“). „The Agent Intellect“ ist gleichzeitig der im Albumtitel zitierte Aristoteles und die gnadenlose Dampfwalze, die alles niederstreckt, was sich hier in den Weg zu stellen wagt.

„The Agent Intellect“ ist der schönste Beweis dafür, dass Erfahrung und ungestüme Energie sich nicht ausschließen. Das Zusammenspiel zwischen einer euphorisierten Band und einem unkonventionellen Sänger wider Willen funktioniert hier perfekt. Dieses Album ist eine großartige Veröffentlichung. Natürlich wegen der Songs, aber auch, um das sich viel zu lange gehaltene „No Future“-Mantra der Sex Pistols endlich ad acta zu legen.

Yves Weber

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