Rezension

Prinz Pi

Kompass Ohne Norden


Highlights: 100x // Kompass ohne Norden // Glück // Asoziale Kontakte // Unser Platz // Moderne Zeiten
Genre: Rap // Hip Hop
Sounds Like: Casper // Maeckes // Cro // TUA

VÖ: 12.04.2013

Im Vorfeld der Veröffentlichung von "Kompass Ohne Norden" gab es etliche Diskussionen – über Realness, Hipsterbashing und Yolo/Swag-Hypekiddies. Die alten Fans warfen Prinz Pi stellenweise Ausverkauf und Anbiederung vor und sehnten sich ein wenig nach einer Rückbesinnung auf alte Werte aus Prinz-Porno-Zeiten. Und zugegeben, mit diversen Merch-Artikeln und dem Video zu "Unser Platz" gab es für solche Anschuldigungen schon Anhaltspunkte. Der Stil, der sowohl mit dem Merch als auch mit dem Video transportiert wurde, richtete sich arg an die Röhrenjeans und Carhartt-Mützen tragenden 18-jährigen, die bereits Cro im letzten Jahr zerfeiert haben und als Abziehbilder der Yolo/Swag-Modeblogs dieser Welt gelten dürfen. Nun macht Pi keinen Hehl daraus, dass er persönlich nicht konform geht mit den Werten und Symbolen dieser jugendkulturellen Ausformung. Jedoch, und das ist der Schlüssel zur objektiven Rezeption von "Kompass Ohne Norden", können diese Symbole und Werte ja durchaus genutzt werden, um eine Message zu transportieren und Identifikationspunkte zu schaffen.

Ist der Weg der objektiven Betrachtung einmal gelegt, wird schnell klar, dass der 33jährige Friedrich Kautz hier eben – entgegen allem ersten Anschein – ein Gesellschaftsbild zeichnet, das den oben zitierten 18jährigen ebenso bekannt vorkommen dürfte, wie den Frühdreißigern. Es geht um das Erwachsenwerden einzelner Individuen ("Fähnchen Im Wind", "Moderne Zeiten", "100x") ebenso wie um die Ernsthaftigkeit von Beziehungen ("Ende Blut, Alles Blut", "Asoziale Kontakte", "Glück"), Depressionen ("Schwarze Wolke") und den Sinn des Lebens an sich ("Säulen Der Gesellschaft", "Kompass Ohne Norden"). Was plump klingt, wird hier jedoch in einen sich radikal ändernden gesellschaftlichen Kontext gesetzt und so inszeniert, dass sich Spätpubertierende ebenso mit der Thematik identifizieren können wie jene, die mit 30 noch nicht akzeptieren können und wollen, dass das Leben nun ausschließlich von Bausparverträgen, dem schnöden Mammon und 9-to-5-Jobs bestimmt wird.

Im Titelsong fasst Pi ziemlich konkret zusammen, worum es ihm geht:

Die Ersten sind gescheitert, die Ersten was geworden //
Die Ersten wurden Eltern, die Ersten sind gestorben //
Bob Dylan gab mir einst seinen Kompass ohne Norden //
Jetzt treibe ich verloren in ein unbekanntes Morgen.

Es geht um die Unbestimmtheit und die wichtigen und unwichtigen Fragen im Leben. Pi seziert unsere Gesellschaft mit klaren und bedachten Worten und skizziert eine Welt, in der es keine klaren Strukturen und Vorgaben zu geben scheint, keine Richtlinien, wann wir erwachsen werden müssen und was Erwachsenwerden überhaupt bedeuten soll. Es geht um moderne Kriegsschauplätze wie leerstehende Fabriken, die das Bild unserer Städte zieren.

Die Zeit geht gegen Abendbrot //
Die Sonne fällt ins Eck //
Landauf landab sind Städte tot //
Der Rost blüht bis zuletzt.

Es geht um unsere eigene Obsession mit der Vergangenheit und die Angst vor der Zukunft.

Alle Welt will den Neubeginn, doch ich will nur, dass der alte Wagen weiterläuft //
wo sind all die Freunde hin //
auf den Fotos lachen wir für immer //
und niemand kann uns nehmen, was schon lange nicht mehr da ist.

Musikalisch wurde "Kompass Ohne Norden" wieder live eingespielt und zeichnet sich durch einen fantastisch organischen Sound aus. Der treibende Bass in "Moderne Zeiten" und die Wahnsinns-Piano/Orgel-Patterns des Titelsongs suchen genreweit ihresgleichen. Ausgewählte und zur Not von Pi selbst gebaute Mikros und Verstärker sorgen für einen Retro-Sound, der nicht zuletzt von Gitarrenbands der 60er und 70er inspiriert ist.

Diese Platte ist eine starke Platte, keine Zweifel. Wer sich mit der Thematik identifizieren kann und in einer ähnlichen Lebenssituation wiederfindet, für den dürfte "Kompass Ohne Norden" eine jener Platten werden, die den Soundtrack des Lebens mitschreiben. Chapeau, Herr Kautz! Und nicht vergessen: Haters gonna hate!

Andreas Peters

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Offizielles Video zu "Glück"

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