Rezension

Polarkreis 18

Frei


Highlights: -
Genre: Pop
Sounds Like: Modern Talking // Apoptygma Berzerk // Sunrise Avenue

VÖ: 26.11.2010

Seitdem Nationalheld Dieter Bohlen sein Geld damit verdient, Menschen zu sagen, wie wenig er sie mag, dürfte er wenig Ambitionen hegen, selbst auf die musikalische Bühne zurückzukehren. Aber das muss er auch nicht, denn jüngst schicken sich Polarkreis 18 an, das Erbe von ihm und Thomas Anders anzutreten - und würdig zu vertreten. Die Nähe zu "Modern Talking" mag immer schon zu spüren gewesen sein, auf dem dritten Album geht sie vollends auf. 

Vorbei sind die Zeiten des Geheimtipps mit musikalischen Ambitionen - zückt eure Geldbörsen, Hörer. Klar, das Publikum, das heute noch CDs kauft, fordert emotionale Retronummern - und dem will man offensichtlich entgegenkommen. Von der Sorte "radiokompatibler Drei-Minuten-Song" beschert uns "Frei" gleich einen ganzen Sack voll. Ob Weihnachtsschnulze mit Glockengebimmel und lyrischen Hohenflügen à la In a second, I'll be by your side bis hin zum 1a-Thomas-Anders-Falsetto-Gesang ("Deine Liebe"), kein Auge dürfte trocken bleiben - und sei es nur aus Wut darüber, wie man so viel Quatsch in eine gute halbe Stunde pressen kann. 

Schon die Auftaktnummer "Frei" verheißt nichts Gutes. Ein Jingle, der den chinesischen Staatszirkus bei "Wetten, dass...!?" ankündigt, könnte dramatischer nicht sein (und selbst bei "Wetten, dass...!?" zieht man mittlerweile andere Register auf, um Zuschauer zu gewinnen...). Dann kommt der obligatorische Chor, eine geballte Ladung Streicher, Lyrics an der Grenze zur Bedeutungslosigkeit - das Übliche eben. 

Reden wir nicht drum herum: das Album entspricht in keinster Weise dem, was man als musikalisch interessant bezeichnen kann. Synthesizer der 80er Jahre werden einfach mit tonnenweise Streicherklängen zugekleistert und dazu gibt es ein bisschen "Weltschmerz-Gesang". Das mag schon immer das Konzept gewesen sein, aber auf dem dritten Album fehlen die wenigen Gitarrenklänge oder die elektronischen Elemente, die das Ganze in früheren Jahren zumindest erträglich gemacht haben. Der Ritt auf der Rasierklinge des Affektierten ist gründlich schiefgegangen. Es gibt keinerlei Orientierungspunkte, keine Widerstände, die das Ohr irgendwie fordern könnten. 

Viel wurde geschimpft auf Polarkreis 18, als der Band vor drei Jahren mit "Allein, Allein" der große Sprung an die Spitze der deutschen Singlecharts sprang. Aber immerhin bot der Song Ohrwurm-Potential und solides Songwriting - nicht einmal das kann man den Songs auf "Frei" attestieren. Dass das dritte Album kurz vor Weihnachten erscheint, passt zwar zu den Klängen, dürfte aber ebenso marktwirtschaftliches Kalkül sein. So darf "Frei" getrost im CD-Regal verstauben, wobei lediglich noch vermerkt wird, dass der letzte Song "Elegie" aus dem Rahmen fällt. Obwohl er vielleicht sogar der kitschigste auf dem Album ist, strahlt er eine gewisse Ehrlichkeit in all seinem Pathos und seiner Künstlichkeit aus - und hat schon fast wieder Potential, tatsächlich als Kunst wahrgenommen zu werden. Über Dieter Bohlens Urteil kann nur spekuliert werden, aber ein "Ey, hör ma', hat dir jemand in die Eier getreten, oder was?" wäre denkbar.

Mischa Karth

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