Rezension

Ought

Room Inside The World


Highlights: Disgraced In America // Disaffectation // These 3 Things // Take Everything
Genre: Post-Punk // Rock
Sounds Like: Talking Heads // Nick Cave // Brian Eno // Sonic Youth

VÖ: 16.02.2018

Ein drittes Album kann sich für eine junge Band als richtungsweisend entpuppen. Ought aus Montreal sind daher bei der Produktion ihres „Room Inside The World“ wohl tief in sich gegangen. Das Ergebnis gleicht einer Generalüberholung.

Es ist nur wenig von dem geblieben, woran man sich bislang (so gerne) stoßen und aufreiben konnte, etwa die post-punkige, zappelnde Spritzigkeit ihres Debüts „More Than Any Other Day“ oder das episch ausladende Element, das „Sun Coming Down“ so spannend machte. Die erste Singleauskopplung „These 3 Things“ ist da auf ihre maschinenhaft rhythmisierende Art zunächst schon ein kleiner Schock: sie klingt so akkurat wie programmiert und strahlt soundmäßig nur noch wenig bis gar nichts des DIY-Charms aus, der die Band bislang doch charakterisierte. Das zentral platzierte Kernstück „Desire“ präsentiert sich in einer so reichen Instrumentierung wie noch nie, ehe sich schließlich gar ein Chor zur Band gesellt. Nicht nur im Verlauf der Platte, selbst innerhalb einzelner Songs vollziehen sich unvorhergesehene und mutige Brüche, sich entweder graduell entwickelnd wie in besagtem, langsam aufblühenden „Desire“ oder abrupt einsetzend, wie in „Take Everything“, in dem ein schön harmonierendes Zusammenspiel in eine Feedback-Orgie mündet.

Was hält „Room Inside The World“ im Innersten zusammen? Ought verlassen sich hierbei vollkommen auf Sänger Tim Darcy. Er wird zur zentralen Figur und ist der rote Faden, der die neun verschiedenen Winkel des oughtschen Raumes durchspannt. Es sind seine Aussprache, seine eigenartige Betonung und sein exaltiertes Getue, die nun über allem thronen. Als Spagat irgendwo zwischen Nick Cave und vielleicht David Byrne gibt Darcy gekonnt den großen Frontmann, eine Rolle, die ihm, wie die auch weiterhin hervorragende textliche Sicherheit, ausgesprochen gut gelingt.

„Room Inside The World“ klingt aufgeräumter als seine Vorgänger und dabei doch nicht simpel. Hierdurch lässt sich nur im direkten Vergleich zu diesen eine Schwäche konzipieren. Denn etwas geht den vier Musikern der Zauber ihrer frühen Tage ab, wenn sie nun eher einem überlegten Konzept denn ihrem Bauchgefühl zu folgen scheinen. Für sich betrachtet ist das Album jedoch ein elaboriertes, vielschichtiges Stück Rockmusik, das wenig Angriffsfläche bietet.

Jonatan Biskamp

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Video zu "Disgraced In America"
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