Rezension

Other Lives

Tamer Animals


Highlights: Dark Horse // For 12 // Tamer Animals // Desert
Genre: Folk-Rock // Indie-Rock // Postrock // Singer-Songwriter
Sounds Like: Efterklang // Radiohead // Leonard Cohen // Fleet Foxes // Kunek // Anathallo // Ennio Morricone

VÖ: 26.08.2011

Es hat schon fast etwas von Größenwahn, ein Album wie das selbstbetitelte Debüt von Other Lives an Opulenz und Facettenreichtum übertreffen zu wollen. Doch was will man auch anderes erwarten von einem Vollblutmusiker wie Jesse Tabish aus Stillwater, Oklahoma, dessen ganzes Leben sich um die Musik zu drehen scheint? Geld wird mit Gitarrenunterricht verdient und in der übrigen Zeit wird an neuen Songs geschrieben, an Arrangements getüftelt und mit Rhythmen experimentiert. Es lässt sich nur erahnen, wie viel Arbeit im zweiten Album von Other Lives steckt. Man höre sich nur einmal den knapp dreiminütigen Opener „Dark Horse“ an: wie ein Blechbläsersatz den Takt vorgibt, ein Fagott den Boden für Tabishs sphrärischen Gesang ebnet, Streicher in den sich immer weiter steigernden Strudel aus Klängen hineingeraten und befremdlich klappernde Percussions die zwiespältige, bedrohliche und zugleich majestätische Atmosphäre des Auftakts von „Tamer Animals“ unterstreicht.

Einfach ist es sicher nicht, sich auf die Musik von Other Lives einzulassen – diese seltsame Mischung aus Folk und Postrock, aus Radiohead und Leonard Cohen, aus Fleet Foxes und Ennio Morricone, die sich keinem Genre wirklich zuordnen lässt und nicht gerade eine wohlige Stimmung verbreitet. So viel hier auch auf einmal passieren mag, Other Lives bemühen sich, dem Hörer den Zugang so leicht wie möglich zu machen, ohne dabei die sich selbst gesetzten Ziele als Musiker aus den Augen zu verlieren. Zu behaupten, „Tamer Animals“ klinge konstruiert, würde dem, was die Band hier geleistet hat, nicht gerecht. Es lässt sich jedoch nicht von der Hand weisen, dass man den Songs den langen Entstehungsprozess bis zu dem Zustand, den sie auf diesem Album erreicht haben, deutlich anhört.

Das Beeindruckendste an „Tamer Animals“ ist jedoch nicht die Opulenz seiner Arrangements, sondern die Leichtigkeit, die durch das ganze Album bewahrt wird, ganz egal, wie viele Tonspuren hier übereinandergeschichtet werden. Dass bei einem solchen Mammutprojekt wie „Tamer Animals“ ein wenig Stringenz und Kompaktheit auf der Strecke bleiben, verzeiht man da gerne. Hat man sich erst einmal an diese Art von Musik gewöhnt und gelernt, diese monströsen Songs richtig einzuordnen, stellt man fest, dass das alles durchaus seine Richtigkeit hat, weshalb welche Instrumente wann zu hören sind – zumindest fühlt es sich richtig an, was hier passiert. Verstehen kann all das, was auf „Tamer Animals“ geschieht, wohl nur die Band selbst. Zum Glück ist Musik aber etwas so schwer Fassbares, dass es dabei in erster Linie nicht ums Verstehen, sondern ums Spüren geht, um Gefühle und Stimmungen, um Erinnerungen und Erlebnisse – und all dies beschert einem das Zweitwerk von Other Lives, diese Gratwanderung aus musikalischem Wahnsinn und einfach nur wunderschön anzuhörenden Songs.

Kilian Braungart

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Drei Songs von "Tamer Animals":

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