Rezension

Okkervil River

Away


Highlights: Okkervil River R.I.P. // Comes Indiana Through The Smoke
Genre: Indie // Folkrock // Kammer-Pop
Sounds Like: Nick Cave // Bright Eyes

VÖ: 09.09.2016

„Away“ beginnt mit einem Abschied: In „Okkervil River R.I.P.“ wird die US-Indie-Band wortwörtlich zu Grabe getragen – von ihrem eigenen Frontmann und Mastermind. Will Sheff lässt keinen Zweifel daran, wessen Band das hier ist: Seine. So sehr seine, dass er die gesamte Mannschaft, die ihn live bei der Umsetzung seiner Indie-Folk-Songs unterstützt, einmal austauschte und das achte Okkervil-River-Album unter anderem mit New Yorker Jazz- und Avantgarde-Musikern einspielte. Ein Ego-Trip sondergleichen – aber einer, der sich gelohnt hat.

Was zuerst auffällt: Die Indie-Rock-Anteile, die Songs von Okkervil River auf bisherigen Alben immer mal wieder zu gitarrenlastigen Ausbrüchen verhalfen, fehlen auf „Away“ nahezu komplett. Vielmehr konzentriert sich Sheff ganz auf die folkige DNA seiner Musik, die er passend mit größtenteils akustischen Instrumenten in Szene setzt: Akustikgitarren natürlich, Klavier, Kontrabass, zurückhaltendes bis zweckdienliches Schlagzeug. Dazu kommen Xylophone, Streicher, Bläser und andere Orchesterversatzstücke, die das Album in Richtung von stellenweise geradezu barockem Kammer-Pop rücken.

Und was für welcher: „Comes Indiana Through The Smoke“ schwebt auf betörend schönen Melodien und hinreißenden Trompetenklängen im Raum wie eine Wolke aus purer Songwriting-Kunst. In „Judey On A Street“ lässt Sheff seinen inneren Nick Cave von der Leine und lässt ihn über einen unnachgiebig vorantreibenden Beat rezitieren. Ohnehin, die Texte: Man hört „Away“ an, dass das Album in einer Zeit entstand, die Sheff selbst als geprägt von „verwirrenden Übergängen im Privat- und Berufsleben“ bezeichnet und in der er unter anderem viele Stunden am Bett seines sterbenden Großvaters verbrachte. Das Ergebnis der damit einhergehenden Selbstfindungsphase sind Songs wie „The Industry“: Eine pointierte Abrechnung mit der Musikindustrie, mit rhetorischen Fragen für den nächsten Besuch beim Tätowierer – „Do you remember baby, back in '96?/When some record was enough to make you raise your fist?“

Zum Fäusteschütteln eignen sich die Songs auf „Away“ selbst nicht gerade – schon allein, weil der Arm lahm wird: Sheff lässt seinen Kreationen diesmal jede Menge Zeit, bleibt selten unter vier Minuten und überschreitet mehrfach die Sieben-Minuten-Marke. Dennoch hat man selten das Gefühl, er verliere dabei den roten Faden aus den Augen: Vielmehr fließen die Songs organisch dahin. Mit diesem Album im Player erscheint der nahende Herbst als durchaus begrüßenswertes Ereignis.

David Albus

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