Rezension

Mudhoney

The Lucky Ones


Highlights: Tales of Terror // And The Shimmering Light // Inside Out Over You
Genre: Grunge
Sounds Like: Pearl Jam // Soundgarden // Temple of the Dog // TAD // The Gutter Twins // The Stooges

VÖ: 23.05.2008

Während wir voller Angst dem Grunge-Revival entgegen sehen, die Creed-Reunion im Vorhinein schon verfluchen und entsetzt beobachten, wie Chris Cornell sich in Enrique Iglesisas verwandelt, veröffentlichen die letzten Überlebenden des großen Seattle-Hypes der frühen 90er – Mudhoney – mit „The Lucky Ones“ ein neues Album. In gut drei Tagen aufgenommen trifft es roh, rau und ungestüm auf den Hörer.

Mark Arm, Steve Turner, Dan Peters und Guy Maddison mischen ihre singulären Aufgaben (Gesang, Gitarre, Schlagzeug, Bass) zu einer konzentrierten, direkt wirkenden Essenz dessen, was das tote Genre Grunge ausmachte. So wirkt „The Lucky Ones“ sowohl zeitlos wie unzeitgemäß. Die schmutzig lärmende Gitarre, das treibende und zerstörerische Schlagzeug, ein unauffälliger Bass und Arms dreckig röhrender Bluesrocker-Gesang beschwören vergangene Zeiten herauf und eröffnen doch – wie Greg Dullis Projekte – neue Perspektiven auf und für diese junge „alte“ Musik.

„The Lucky Ones“ klingt zu keinem Moment massentauglich oder romantisierend, sondern besitzt tatsächlich eine eigene und originäre Energie und Direktheit. Die Songs sind nicht geschrieben für das große Stadion, sondern den versifften Club. Das Album erneuert weniger – wie könnte es auch –, als dass es das Rohmaterial verdichtet vorstellt – irgendwo zwischen den alten Alben der Band, MC5 und den Stooges. Insofern findet sich der alt gewordene Fan von Band und Genre sofort wieder, der Nachgeborene fühlt sich an vieles erinnert – das der Erwähnung nicht wert ist – und der interessierte Beobachter staunt ob Eigenständigkeit und Frische der Musik, wie er doch auch mannigfaltige Erinnerungen an ihm Bekanntes aufblitzen sieht.

Die Mehrheit der Songs stürmt heftig voran, wobei kein zweiter Track die chaotische Wut von „Tales Of Terror“ erreicht, das von Arms sich überschlagendem, vorwärts preschendem Gesang dominiert wird. Nur wenige Songs – darunter „We Are Rising“ – lassen sich in einer akustischen Version vorstellen, zu wichtig, zu prägend erscheinen die Gitarren, ihre Rückkopplung, ihr verzerrtes Vibrieren. Selbst in diesen wenigen, ruhigeren Stücken – neben „We Are Rising“ noch das hymnische, glitzernde „And The Shimmering Light“ und „Inside Out Over You“ – spielt die verstärkte Gitarre so prominent, dass auf sie zu verzichten undenkbar erscheint. Jeder Song besitzt seinen eigenen, unverzichtbaren, aber doch klassischen Gitarrensound.

Wem die Klangkulisse des Grunge – und es ist nicht die Rede von nervigen Kopisten oder Stadionrockern, sondern von der ursprünglichen, gewaltigen Klangkultur – nicht gefällt, der sollte die Finger von „The Lucky Ones“ lassen. Wem jedoch – nicht nur aus Nostalgie – gerade der melodische, rohe, bluesige Gitarrenlärm Gänsehäute oder alternativ Energieschübe verpasst, der ist mit Songs wie „I’m Now“, „The Lucky Ones“, „Next Time“ oder „Running Out“ bestens bedient.

Oliver Bothe

Finden


Alles gelesen? Guck doch mal in unserem Textarchiv vorbei, dort gibt es fast 5000 Rezensionen und mehr als 400 Konzertberichte und Interviews.