Rezension

Mew

No More Stories Are Told Today. I'm Sorry They Washed Away. No More Stories. The World Is Grey. I'm Tired. Let's Wash Away


Highlights: Repeater Beater // Cartoons And Macremé Wounds // Vaccine // Tricks
Genre: Avantgarde // Dreampop // Prog-Rock
Sounds Like: -

VÖ: 21.08.2009

Gerade weil sich die Forschung an ihm die Zähne ausbeißt, ist doch das Unterbewusstsein einer der faszinierendsten Bestandteile der menschlichen Psyche. Dass jedoch durch Träume die dort angestauten Emotionen auf die geistige Netzhaut projiziert werden können, gilt inzwischen als erwiesen - ein Umstand, der freilich Künstler aller Strömungen anzieht, man denke nur an die verworrenen wie unheimlichen Streifen vom prominentesten Vertreter des postmodernen Kinos, David Lynch. Dessen Filme sind laut eigener Aussage meist verbildlichte Alpträume. Für diesen Ansatz sind auf musikalischer Ebene Mew ein treffendes Beispiel. Und was für eines.

Ein Kurzgedicht als Albumtitel und eine mit grinsenden Comic-Eiern zugekritelzte Tracklist deuten da schon vor dem ersten Durchlauf von Mews neuestem Werk auf einen gewissen Grad an Exzentrik. Und inmitten von Kinderchören und Heliumstimmen, Klavierflächen und krumm gebogenen Gitarren findet sich die Erkenntnis, dass hier erst einmal durchgestiegen werden muss. Die atmosphärische Dichte auf „No More Stories“ ist irrsinnig hoch, gleich einer am Prisma gespiegelten Spektralwelt, die immer wieder dem Choas zum Opfer fällt und sich ständig neu zusammensetzt. Aus dem Nichts bahnt sich da plötzlich ein pinker Synthesizer seinen Weg, unerwartet platzen glasklare Popmelodien in die Songs hinein. Wie Mew dieses Werk (von einzelnen Songs lässt sich hier kaum sprechen) stets aufs neue in ungeahnte Bahnen lenken, übertrifft jegliches logische Verständnis von Populärmusik.

Die Freude der Band bei der Produktion dieser Platte merkt man ihr an. Mew toben sich in ihrer eigenen knalligen Neonwelt aus, gleiten auf Plastikwolken und reiten Gummielefanten. Dem tendenziell düstereren Vorgänger „...And The Glass Handed Kites“ stellen sie damit eine wandelbare Schwester zur Seite, die man nur aufgrund ihrer Kühnheit als zur Familie angehörig erkennen kann. Percussion-Wahnsinn wie in „Hawaii“, die einlullend warmen Akustikgitarren in „Silas The Magic Car“ oder das schlichtweg unglaubliche „Cartoons And Macremé Wounds“, das in seinem Herzen die hymnische Kernmelodie der Platte zelebriert, sind da nur mosaikhafte Ausschnitte aus einem Bild, das, in seiner Gesamtheit betrachtet, den Atem nimmt.

Durchgeknallt, anspruchsvoll und unkonventionell wie Mew nun mal sind, wundert es da nicht, dass ihre Bandgründung angeblich auf ein Kunstprojekt zurückgeht. Dass diese Rezension nur einen Ersteindruck geben kann und die Halbwertszeit dieser Platte nach fünf bis sechs Durchläufen und zwei Wochen noch lange nicht erreicht ist, deutet auf den Charakter dieses Meisterwerks, das noch weiter wachsen wird. Mew also als David Lynch der Popmusik? Durchaus. Mit dem Unterschied, dass ihre Ergüsse letztlich mehr Fragen beantworten, als sie aufwerfen.

Gordon Barnard

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