Rezension
Massive Attack
Heligoland
Highlights: Girl I Love You // Atlas Air // Flat Of The Blade
Genre: TripHop
Sounds Like: Archive // Portishead // Moby // Tricky
VÖ: 05.02.2010
Ja, Heligoland hat wirklich etwas mit Helgoland zu tun. Es handelt sich dabei nicht um ein weiteres, zur Verniedlichung eingefügtes „i“, sondern lediglich um die englische Sprach- und Schreibweise des Namens der Hochseeinsel. Ob es Ziel der Band ist, damit Assoziationen à la "Fels in der Brandung des Musikmeeres" zu erwecken oder ob der Name einfach nur beim Scrabble entstanden ist – wir wissen es nicht. Viel wichtiger ist doch die Tatsache, dass nach mehrmaligem Verschieben um Wochen, Monate und Jahre nun wirklich jenes fünfte Massive-Attack-Album erscheint, welches für viele bereits den würdigen Nachfolger des Chinese-Democracy-Running-Gags darstellte. Ein komplett fertiges Album habe man 2008 gelöscht, war aus dem Kreis der Band zu hören. Weil es nicht mehr gefiel. Sieben Jahre nach der letzten Großtat – 100th Window – steht es nun endlich in den Läden. Ob „Heligoland“ also den mittlerweile fast unerreichbaren Erwartungen gerecht wird?
Als kleinen Vorgeschmack auf „Heligoland“ veröffentlichten Massive Attack Ende letzten Jahres die EP „Splitting The Atom“, welche unter anderem „Pray For Rain“ enthielt, das nun als Opener dient. Beklemmende, als typisch Massive Attack zu identifizierende, dunkle Takte, spätere Stilwechsel bis hin zu Synthiepop, dazu die düster-sonore Stimme Tunde Adebimpes – ein gelungener Einstieg. Sekunden später reißt der helle, aber bestimmte Gesang Martina Topley-Birds ein großes Loch in die gerade aufgebaute Stimmungswelt. Dabei ist „Babel“ so nah an Archive gerückt, dass man sich fragen kann, ob nicht doch Maria Q einen neuen Track dieser Band singt. Ähnliches gilt für „Psyche“, was auch noch dadurch verstärkt wird, dass die repetitiven Soundkompositionen, die den Stücken zugrunde liegen, zusätzliche Parallelen zu Archive aufweisen. Ein bisschen schade ist, dass trotz einer Vielzahl aufgenommener Stücke vier Songs bereits auf „Splitting The Atom“ zu hören waren.
Wenn es allerdings ein Lied gibt, dessentwegen sich allein der Kauf von „Heligoland“ lohnt, dann ist es das epische „Girl I Love You“. Horace Andy, bekannt unter anderem wegen seines Gesangs im Stück „Angel“, setzt diesem hier einen würdigen Nachfolger. Verzerrte Taktschläge, unterlegt von einer treibenden Grundfläche, heftig hereinbrechende Bassläufe und Bläsereinsatz – zu keinem Album hätte dieser Song besser gepasst als zu „Mezzanine“. Einen ersten Eindruck vom folgenden „Flat Of The Blade“ konnte man auch auf der EP schon gewinnen, dort hieß das Stück „Bulletproof Love“. Allerdings beginnt es erst in der Version auf „Heligoland“ richtig zu wirken. In halber Geschwindigkeit wabert sich Portisheads „Machine Gun“ mit Doomjazzeinflüssen voran, begleitet von Guy Garvey, der es schafft, exakt wie ein verträumter David Bowie zu klingen.
Einen erneuten Stilbruch stellt „Paradise Circus“ dar, das bereits als pornografisches Vorabvideo veröffentlicht wurde. Hope Sandoval ist es dieses Mal, die dem seichten Stück mit kitschiger Streicherbegleitung ein wenig Leben einhauchen darf. Interessant, hätte aber eher zu Mobys „Wait For Me“ gepasst. Nahtlos schließt sich „Rush Minute“ an, welches zwar wieder stärker nach Massive Attack klingt, jedoch auch erstaunlich belanglos ist. Man hat das Gefühl, „Rush Minute“ hätte es bereits auf 100th Window dreifach gegeben. Damon Albarn schafft es dann in „Saturday Come Slow“, Desinteresse und Verzweiflung gleichzeitig auszudrücken. Zum Abschluss dann doch noch ein Highlight: „Atlas Air“, bekannt geworden als epochales „Marrakesh“ während der letzten Touren. Zwar verliert die Albumversion im Gegensatz dazu erheblich an Dynamik und Nachdruck, dennoch weiß der knapp achtminütige Song zu überzeugen.
Was hat „Heligoland“ und was fehlt ihm? Nun, „Heligoland“ beinhaltet zehn neue Stücke von Massive Attack, von denen einige wohl zu den besten Veröffentlichungen zählen, die in der zwanzigjährigen Geschichte der Band entstanden sind. Das allein ist schon Grund zur Freude. Was allerdings fehlt, ist die bisherige Stärke Massive Attacks, homogene, komplette Alben zu schaffen, die ein Niveau und eine Stimmung über die komplette Länge halten können. „Heligoland“ beinhaltet zehn Einzeltitel, die nach im Schnitt fünf Minuten selten den Anschluss an den Vorgänger suchen und finden.
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