Rezension

Locas In Love

Use Your Illusion 3 & 4


Highlights: Neue Sachen // Wir Bauen Eine Neue Stadt // Da Ist Ein Licht // Chlodwigplatz
Genre: Indiepop // Krautrock
Sounds Like: Karpatenhund // Kante

VÖ: 20.02.2015

Locas In Love sind nach fast 15 Jahren im deutschen Musikbetrieb, viel Schulterklopfen und lauter guten Kritiken endlich bei einem Majorlabel gelandet. Nach dem Zwischenspiel bei staatsakt. hat die Band jetzt tatsächlich Warner Music im Rücken. Das wäre jetzt natürlich die Gelegenheit, endlich das langersehnte Hitalbum zu machen, mit dem Locas In Love zu Stars werden. Weil es sich bei Locas In Love aber um keine x-beliebige Band handelt, sondern um eine, die schon vor Jahren lautstark proklamiert hat: Ich bin keine Maschine // Ich werde nicht funktionieren, hat das Quartett stattdessen ein Doppelalbum aufgenommen. Was an sich schon ein gewagtes Unterfangen ist, wird geradezu wahnwitzig, wenn man bedenkt, dass auf der zweiten CD ausschließlich nach Kölner U-Bahn-Stationen benannte Instrumentalstücke sind, denen der Krautrock aus jeder Pore tropft.

Das „Text-Album“ ist davon allerdings nicht übermäßig betroffen. Noch immer machen Locas In Love klugen, verschrobenen und sympathischen Indiepop mit coolen Texten. Ein wenig der Stimmung des „Instrumental-Albums“ ist aber wohl doch auf CD 1 übergegangen. Die Lieder sind düsterer als früher und nicht so poppig wie noch auf „Lemming“. „Affe“ ist musikalisch gesehen zum Beispiel ein ganz schöner Brocken und „Teile“ klingt beinahe nach Shoegaze. Insgesamt ist die Stimmung aber gut, es geht um die üblichen Themen wie – ja, worum geht es eigentlich? Am besten lässt sich das alles wohl unter dem Oberthema Adoleszenz subsummieren. Die Chance verpasst, ehrlich zu sein, und die Gewissheit, alle zu enttäuschen, nicht, weil ich es will // sondern, weil ich so bin // es passiert einfach. Städte kaputt schlagen und nach dem eigenen Bilde wieder aufbauen, vorher aber erst einmal die eigenen Körperteile sortieren. Feststellen, dass alle Leute, die man kannte, jetzt auf einmal Lehrer sind oder in irgendwelchen Agenturen arbeiten. Und, dass sie älter werden, obwohl wir doch gedacht haben, dass wir für immer jung sein würden. Nur man selbst denkt immer noch wie der Teenager von einst, der sich von der Welt unverstanden fühlt und darauf wartet, dass ihn etwas interessiert: Ich bin wie ein Teenager // seit zwanzig Jahren. Locas In Love zeichnen so auf „Use Your Illusion 3&4“ das interessante Portrait einer Generation, die keine sein will, von lauter Twentysomethings, die in der endlosen Schleife aus Praktikum und Praktikum und „Wann machst du denn jetzt mal was Richtiges?“ feststecken. Das kann man langweilig finden oder als First World Problems und Rumgejammer abstempeln.

Zugegeben, eine Zeile wie Wir weinten die ganze Nacht // obwohl es keinerlei Grund gab // außer dass unsere Leben scheiße waren // und wir so viel mehr wollten als das ist vielleicht ein wenig zu dick aufgetragen. Aber spannend ist das doch. Wenn etwa „Sachen“ vom Album „Saurus“ wieder aufgenommen wird und sich die Protagonisten doch endlich treffen, nur um dann darüber zu reden, dass eigentlich immer noch alles genauso ist wie früher, aber sich gleichzeitig alles verändert hat. „Neue Sachen“ ist in dieser Hinsicht sicherlich das Herzstück der Platte. Idealistisch und desillusioniert, voller Wahrheit über das Leben an sich. Wenn die Schwester schon wieder ein Kind bekommt und alle Freunde auf einmal feste Jobs haben und man selbst immer noch in Berlin rumhockt (das ja auch immer teurer wird) und Songs schreibt. Aber auch, wenn alle anderen sich auf einmal erwachsen benehmen, muss man selbst nicht verbittern. Eigentlich ist das wohl das sicherste Anzeichen dafür, dass man doch erwachsen wird: Akzeptanz und die Einsicht, dass wir alle „Durch Die Dunkelheit“ stolpern. Solange man sich daran erinnert, dass an deren Ende ein Licht wartet, das nicht immer ein Zug sein muss, wird alles gut. Insofern ist „Use Your Illusion 3&4“ trotz des Festhaltens an Teenageridealen, trotz neuem Setting und experimentellem Rahmen das erwachsenste und gemäßigste Album von Locas In Love. Dafür bleiben aber teilweise leider die Eingängigkeit, Überraschung und Quirligkeit vergangener Tage auf der Strecke.

Lisa Dücker

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