Rezension

Locas In Love

Kalender


Highlights: All Meine Großeltern // 35 Tausend Millionen // Ruinen
Genre: Indierock
Sounds Like: Anajo // The Magnetic Fields // Kante // Pendikel

VÖ: 20.11.2015

Hätten Stefanie Schrank oder Björn Sonnenberg nochmal einen Promotion-Kurs machen sollen? Sind Locas In Love einfach die am eigenwilligsten missverstandene Band der Stunde? Fakt ist: Locas In Love bringen zum mittlerweile dritten Mal ein Album heraus, das zeitlich sehr knapp auf ein vorangegangenes folgt und daher komplett unverdienterweise wie eine Art Outtake- oder B-Seiten-Sammlung verstanden wird. Dies traf schon auf das Konzeptalbum „Winter“ und das Record-Store-Geschenk „Nein!“ zu – komplett absurd ist so eine Deutung im Falle von „Kalender“, das in vielerlei Hinsicht sogar mehr überzeugt als sein direkter Vorgänger „Use Your Illusion 3 & 4“.

War „Use Your Illusion“ noch ein ambitioniertes Doppelalbum mit einem ambitionierten Krautrockteil, erinnert „Kalender“ musikalisch wieder mehr an „Lemming“: Wenig Kraut, dafür viel geschmeidiger Indierock- und -pop, der zeigt, dass „simpel“ auch durchaus ein verliebtes Kompliment sein kann. Inhaltlich wirkt „Kalender“ dagegen wie eine stringente, aber beinahe allzu plötzliche Fortführung der Bandlinie: Beklagte „Neue Sachen“ noch, dass Menschen im Umfeld auf einmal in Schulen oder Agenturen arbeiten, muss hier gleich der Opener feststellen, dass immer mehr dieser Menschen auf einmal sterben – untermalt von jenen sanften Lo-Fi-Gitarrenklängen, die fast schon zum Markenzeichen von Locas geworden sind und zumindest bei diesem Autor immer ein Gefühl von Festlichkeit hervorrufen.

Und doch bleiben Locas In Love auch auf „Kalender“ im Herzen das, was sie mindestens seit „Saurus“ zu einer der wunderbarsten Bands der deutschen Musiklandschaft macht: Ein kleiner Lemming, der tapfer weiter nach vorne läuft, auch wenn es so vieles gibt, gegen das man ein Manifest schreiben könnte. Eine Band, die ein Lied für alle Menschen, Gefühle und Taten schreiben möchte, die sonst immer so gerne unter den Tisch fallen und die sich doch nochmal den Noise zum Verbündeten macht, wenn sie sich auch nach dem 35 Tausend Millionsten Mal nicht die Einzigartigkeit des Menschen ausreden lassen will. Und vielleicht auch die einzigen, die ein so wunderbares Liebeslied wie „Ruinen“ schreiben können. Klingt das nach einer Outtake-Sammlung? Mitnichten. Damit das jetzt mal alle verstanden haben.

Jan Martens

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