Rezension

Kate Tempest

Let Them Eat Chaos


Highlights: Pictures On A Screen // Perfect Coffee // We Die
Genre: Spoken Word // Poetic Rap // Grime
Sounds Like: Mike Skinner // Speech Debelle // Little Simz

VÖ: 07.10.2016

„It´s 4.18 am // at this very moment // in this very street // seven different people // in seven different flats // are wide awake // they can´t sleep“, „Is anybody else awake? Will it ever be day again?“

Das fragen sich eben diese sieben Menschen, in der Nacht, in der der Sturm kommt. Menschen, die das große Unwetter nicht heranrollen hören, da sie so beschäftigt sind mit ihrem eigenen, persönlichen Schicksal, das sie wach hält und zwingt, die Nacht schlaflos zu verbringen. Verlorene Seelen in einer Straße in London, die scheinbar nichts verbindet, während sie sich räumlich alle so nahe sind.

Kate Tempest wendet ihren Blick vom Großen, Umfassenden, zum kleiner Werdenden. Aus dem Weltall auf unseren Planeten, von der gesamten Weltbevölkerung auf Großbritannien, von dort aus auf London, in London in eine einzige Straße, dort in die einzelnen Wohnungen in der Nachbarschaft. „Immigrants and englishmen // families with six kids // single business women“, sie alle leben dort. Von sieben von ihnen erzählt sie exemplarisch auf „Let Them Eat Chaos“, vertont mit elektronischen Beats und unfassbar gutem Rap. Tempests Worte sind ergreifend, treffen mitten ins Herz. Sie erzählt ihre detailverliebten Geschichten, fügt ihnen den perfekten Soundtrack hinzu und lässt das blühendste Kopfkino entstehen. „It gets into your bones“, so der erste Satz von Kate Tempests Roman „The Bricks That Built The Houses“. Um den geht es hier eigentlich nicht, aber es passt so gut. Denn was da bis ins Mark geht, nämlich die Stadt London, geht hier mindestens genauso tief unter die Haut – so tief, dass es weh tut.

Genau wie in „The Bricks That Built The Houses“ haben wir es auch auf „Let Them Eat Chaos“ wieder mit den Schicksalen einzelner Menschen zu tun. Da hätten wir den erfolgreichen Geschäftsmann, Single, bei Tinder aktiv, erfolgreich und doch irgendwie nicht ausgefüllt, in seiner Luxuswohnung an die Wände starrend. Wer ist da noch? „Esther is in her kitchen“, gerade zurück von einer Doppelschicht, durstig, matt, öffnet sich ein Bier und macht sich Gedanken. „She´s worried about the world tonight // She´s worried all the time“ („Europe Is Lost“). Was tut diese Menschheit? Warum lernt niemand aus der Geschichte? Warum muss so viel Blut fließen? Zoe versucht ein paar Meter weiter Umzugskartons zu packen und wühlt sich durch Erinnerungsstücke „What the fuck is all this stuff?“ („Grubby“). „Gemma is awake“, sie denkt darüber nach, warum sie die geworden ist, die sie ist – eine Kämpferin („Ketamine For Breakfast“). 

„Alicia is wrapped in her blanket“, sie ist aus dem Schlaf aufgeschreckt, aus einem Traum von einem ehemals geliebten Menschen. „We die // So the others can be born // We age // So the others can be young // The point of life is live, love // If you can´t then pass it on“ („We Die“). Und wen haben wir da noch? „Well, who is this? // This is Pete // Pete grew up on the street // He moved away but he´s back living with his dad“, Pete führt Selbstgespräche, während er versucht, das Schlüsselloch zu treffen.

In „Whoops“ klingt Tempest wie Mike Skinner, an anderer Stelle nach Speech Debelle. Tempest passt ihre Stimmlage und die musikalische Untermalung den einzelnen Charakteren an, speit all die Emotionen aus oder hält sie zurück, bis sie nicht mehr anders können als auszubrechen. Sie zeichnet sieben unterschiedliche Portraits von unterschiedlichen Menschen, vereint diese grundverschiedenen Personen in einem großen Zusammenhang. Sie zeichnet ein Bild der Londoner Gesellschaft, im übertragenen Sinn von der Gesellschaft im Allgemeinen. Sie hält uns einen Spiegel vor, jedem und jeder einzelnen, denn wir alle finden uns irgendwie und irgendwo wieder in den Beschreibungen dieser verlorenen, kaputten Menschen. Wir alle haben schon schlaflos da gelegen und konnten vor lauter Gedanken im Kopf nicht mehr einschlafen. 

Es ist schwer, so viel Kaputtes so schön ausgedrückt zu hören. Es bedrückt und beglückt zugleich. Tempest beweist mit einem weiteren Geniestreich, dass sie eine mehr als begabte Poetin unserer Zeit ist, die es weiß, durch ihre Musik die perfekten Akzente und tiefe Gefühle zur Beschreibung unserer so kaputten und doch so geliebten Welt zu setzen. Tempest sendet mit „Let Them Eat Chaos“ eine Botschaft an die Welt da draußen: Seht zu, dass ihr euch liebt, achtet aufeinander, schaut euch die Menschen an, die in eurer Umgebung leben! Denn es liegt an jeder einzelnen Person, die Welt zu verändern – oder mit ihr unterzugehen.

Marlena Julia Dorniak

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"Europe Is Lost"

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