Interview

Kate Tempest


Kate Tempests Debüt "Everybody Down" ist bislang eines unserer Konsensalben des Jahres 2014 – und mit seiner fordernden Mischung aus Grime und narrativer Komplexität noch dazu ein recht untypisches. Auf dem Appletree Garden Festival stellt Kate "Everybody Down" vor und spricht danach mit uns über ihre Schreibprozesse und Lyrik im Allgemeinen.

Stört es dich, dass deine Texte sehr viel weniger im Fokus stehen, wenn du sie für Songs verwendest, als wenn du sie in einem Spoken Word benutzt?

Kate: Das ist natürlich so, aber Musik ist ja ein ganz anderes Vehikel für Texte. Damit verfolge ich ein ganz anderes Ziel. Als das Konzept von "Everybody Down" aufkam, war es auch von vornherein dafür ausgelegt, live dargeboten zu werden, so dass man dazu tanzt und Spaß hat. Wenn man das Album vorher nicht kennt, merkt man im Idealfall dann, dass eine Geschichte hinter den Songs steckt und möchte das Album der Geschichte wegen hören, es soll aber natürlich auch funktionieren, wenn man das Album vorher schon kennt. Ich habe auch schon lange nicht mehr so viel Spaß auf der Bühne gehabt wie jetzt gerade, denn diese Songs aufzuführen, das liebe ich wirklich, das macht mir wirklich Spaß. Gedichte liebe ich auch, aber ich würde nicht sagen, dass es mir in dem Sinne Spaß macht, sie zu vorzutragen – das ist mehr...episch. Außerdem kommt durch die Musik auch immer noch ein ganz neuer emotionaler Level dazu. Dieselbe Zeile, ein- und dieselben Worte können etwas komplett Anderes bedeuten, je nachdem, ob ich sie in einem Gedicht vortrage oder in einem Song rappe!

Du hast eben bei der Show gesagt, "The Heist" wäre dein Lieblingssong auf dem Album. Wieso ist das so?

Kate: Zumindest live ist das der Fall. Er geht live einfach so nach vorne! Aber eigentlich habe ich nicht wirklich einen Favoriten – sie sind ja alle meine Kinder. Auch wenn einem natürlich auch bei Kindern hin und wieder manche mehr auf die Nerven gehen als andere.

"Everybody Down" stellt uns ja verschiedene Charaktere – Harry, Becky, Pete zum Beispiel - vor, die alle ihre ganz eigenen Probleme haben. Hast du beim Schreiben mit deren Problematiken, diesen gesellschaftlichen Themen im Hinterkopf angefangen oder standen die Figuren und die Geschichte am Anfang?

Kate: Am Anfang stehen immer die Figuren und die Geschichte. Immer! Wenn man es anders macht, ist man von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ich muss mir gar nicht vornehmen, irgendwelche Thematiken zu bearbeiten – die stecken in mir drin und kommen automatisch raus! Diese ganze Welt entsteht dann um die Figuren herum. Weißt du, als ich das Album mit Dan (Carey, der Produzent, Anm. des Autors) aufgenommen habe, kam es mir zu einem Teil vor, als wäre ich nur Beobachterin gewesen, weil mir bestimmte Dinge dabei erst klar geworden sind – hey, Harry ist in Becky verliebt!

Hast du denn Charaktere, die du mehr als andere magst, oder verhält es sich da wie mit den Songs?

Kate: Na ja, Becky steht mir als die Heldin der Geschichte vielleicht am nächsten. Aber ansonsten liebe ich sie eigentlich alle auf ihre eigene Art und Weise. Selbst Pete, obwohl er sehr fehlerbehaftet und eifersüchtig ist und dumme Dinge tut. Es gibt auch Figuren, die im Roman (auf Grundlage der gleichen Geschichte wie "Everybody Down", Anm. des Autors) vorkommen werden, an dem ich noch schreibe, die auf "Everybody Down" gar nicht vorkommen. Es ist seltsam: Wenn man an einer Geschichte schreibt, entsteht in deinem Kopf dieses ganze Universum, obwohl nur ein Bruchteil davon wichtig für die Handlung ist. Ich weiß alles über sie, natürlich liebe ich sie! Sie sind meine Freunde! Okay, sie sind nicht meine Freunde, das klänge, als hätte ich sonst keine (lacht).

"The Truth" sticht etwas heraus, da dort keine Figuren auftreten, sondern sich nur die abstrakteren "eins" und "zwei" begegnen.

Kate: Es gibt drei Songs, die die Handlung verlassen und sie kommentieren, um einen Kontext zu schaffen. Sie werden mehr oder weniger in der Welt des Albums gehört. Aber je weniger man über ihre Bedeutung sagt, desto besser, da sich der Zuhörer selbst darüber Gedanken machen soll. Ich weiß schon, was ich mir dabei gedacht habe, aber das ist nun egal, denn jetzt sind die Songs draußen, und wichtig ist nun, was du denkst.

Ich habe gelesen, dass du Schreibkurse in Yale gegeben hast. Ist es nicht schwer, als Autor die Werke anderer Autoren bewerten zu müssen?

Kate: Oh, ich habe schon viele Lehrerjobs gehabt. Ich habe junge Straftäter unterrichtet; Jugendliche, denen es scheißegal war...Ich musste in Yale niemanden bewerten, sondern den Studenten dabei helfen, über Shakespeare zu schreiben. Als jemand, der bereits eine Beziehung zu Shakespeares Werken hatte, sollte ich sie dabei unterstützen, dies ebenfalls zu tun und sich nicht von ihrem Respekt vor dem Barden hemmen zu lassen. Es fand also alles mehr auf einer Augenhöhe statt, wir haben zusammen gelesen, und so musste ich am Ende niemanden bewerten.

Was ist denn das wichtigste beziehungsweise das erste, das du deine Schüler lehrst?

Kate: Das kommt natürlich auf die jeweiligen Schüler an, aber ich glaube, am wichtigsten ist es, seine eigene Stimme zu kennen. Wenn man schreibt, merkt man, ob es gerade künstlich ist und sich wie die Arbeit von jemand anderem anfühlt. Wenn diese dir in deine eigene, eigentliche Wahrheit, deine Botschaft, deine Stimme hineinpfuscht, merkst du das. Es ist dafür auch wichtig, immer zu schreiben. Ich schreibe immer, seit mittlerweile 15 Jahren, daher weiß ich, wie sich meine Stimme anfühlt. Ich schreibe auch mal Bullshit. Daher sollen Schüler sich auch entspannen und keine Angst haben, dass einmal etwas Schlechtes dabei sein könnte. Außerdem sollen sie keine Angst vor einer leeren Seite haben, sondern das Potential darin sehen, diese mit Leben zu füllen und schon auf der zweiten Seite werden sie selbstsicherer sein.

Für den letzten Teil unseres Gesprächs habe ich ein paar Zitate über Lyrik mitgebracht und hätte gerne deine Meinung zu ihnen. Das erste ist von Flaubert: Wenn man Verse schreibt, soll man nicht träumen, sondern Faustschläge verteilen.

Kate: (lacht) Ich weiß nicht, ob es verboten sein sollte, zu träumen. Es ist auf jeden Fall wichtig, direkt zu sein, manchmal gemein, auch bösartig, wenn man muss. Aber weißt du, er ist schließlich ein Mann, eine Frau möchte das vielleicht nicht tun. Es geht im Endeffekt auch niemanden etwas an, wie du schreibst, solange du selber gut damit klarkommst.

Die Aussage des nächsten Zitates ist recht gegensätzlich und stammt von Pablo Neruda: Gedichte sind ein Akt des Friedens.

Kate: Das glaube ich nicht, denn Gedichte entstehen durch innere Unruhen. So ist Lyrik zwar sehr schön, sie greift dich aber auch ständig an. Wenn es in dir drin friedlich aussieht, schreibst du keine Gedichte, dann lebst du einfach dein Leben. Insofern ist Kunst vielleicht auch gar nicht so schön, weil sie aus Schmerz und inneren Unruhen entsteht. Es ist vielleicht möglich, dass Kunst bedeutet seinen Frieden damit zu finden, aber ein Akt des Friedens sind sie nicht. Für mich sind sie genau das Gegenteil.

Von Da Vinci: Lyrik steht lebensnotwendiger Wahrheit näher als Geschichtsschreibung.

Kate: Ich denke, das, was Geschichtsschreibung und Lyrik erreichen wollen, sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Wenn erstere etwas darstellt, ist dies stets nur zum Wohl bestimmter Menschen, während Gedichte eine ewige Wahrheit ausdrücken. Gedichte verbinden mich mit menschlicher Erfahrung, was Geschichtsschreibung nicht kann. Lebensnotwendige Wahrheit steckt auf jeden Fall in der Kunst. Ich würde Da Vinci aber auch in allem zustimmen, was er gesagt hat.

Wenn du einem Dichter auf die Nerven gehen willst, erkläre seine Gedichte.

Kate: Ja, stimmt. (lacht) Das ist das Problem mit allen Formen der Kunst: Sobald du etwas erschaffst, gehört es dir nicht mehr. Es gehört dir eigentlich nie wirklich selbst, du kannst nur versuchen, in deinem Handwerk besser zu werden, soweit es geht. Wenn man es dann erklären soll, muss das zwangsläufig furchtbar klingen. Das ist auch Nervige an Journalisten (lacht). Es ist fast beängstigend, denn Kunst entsteht oft aus Instinkten heraus, die dann aber so erklärt werden, als wären sie bewusste Entscheidungen.

Das letzte Zitat stammt von Goethe: Ein Gedicht sollte entweder vortrefflich sein oder gar nicht existieren.

Kate: Da würde ich ihm zustimmen, allerdings muss man, um vortreffliche Gedichte schreiben zu können, Gedichte geschrieben haben, die nicht vortrefflich sind. Das wird auch Goethe getan haben, als er zehn Jahre oder so war. Daher sollte man sich auch nicht so sehr unter Druck setzen, nur Großartiges zu schreiben. Meiner Meinung nach sollte jegliche Kunst vortrefflich sein, aber so funktioniert es nun einmal nicht. Wenn es kein Mittelmaß gäbe, könnte Exzellenz ja auch gar nicht existieren, und ohne Bullshit würdest du sie nicht einmal erkennen, wenn sie dir direkt ins Gesicht springen würde. Ohne Gegensätze kein Fortschritt – das hat schon William Blake gesagt.

Jan Martens

Lesen


Rezension zu "Let Them Eat Chaos" (2016)
Rezension zu "Everybody Down" (2014)

Finden


Alles gelesen? Guck doch mal in unserem Textarchiv vorbei, dort gibt es fast 5000 Rezensionen und mehr als 400 Konzertberichte und Interviews.