Rezension

Josh Ritter

So Runs The World Away


Highlights: Change Of Time // The Curse // Folk Bloodbath // Lantern // Orbital
Genre: Americana // Folk // Singer-Songwriter// Country // Rock // Blues
Sounds Like: Wilco // Ryan Adams // Ferraby Lionheart // Langhorne Slim // Bob Dylan // The Felice Brothers // Drive-By Truckers // Hank Williams

VÖ: 27.08.2010

Es ist das große Problem eines jeden Musikers, der sich den traditionsreichen amerikanischen Musikstilen Folk und Americana verschreibt: wie kann man bei all den Bezügen zur Vergangenheit, die diese Genres von einem verlangen, eine Möglichkeit finden, neue Ausdrucksmöglichkeiten zu schaffen, ohne die weitreichende Tradition zu verletzen und sich dadurch selbst lächerlich zu machen? Diese Musik muss ja geradezu altmodisch klingen. Sie kann nicht alle Wesensmerkmale ihrer Vorgänger über den Haufen werfen, muss es dabei aber schaffen, nicht redundant zu sein. Der in Moscow, Idaho, geborene Singer-Songwriter Josh Ritter hat ebenfalls mit diesem Problem zu kämpfen und schafft es wie kaum ein anderer, diesen Balanceakt zu meistern.

Bemerkenswert ist dabei der Perfektionismus, mit dem er an seinen Alben arbeitet, und noch bemerkenswerter ist, dass man das der Musik auf seinem neuen Album „So Runs The World Away“ in keinem Moment anhört, obwohl er ganze 15 Monate daran gefeilt hat. Mit dem epischen Intro „Curtains“ öffnet sich der Vorhang, der Blick auf die große Bühne ist eröffnet und der Spot richtet sich auf Josh Ritter mit seiner Westerngitarre. Wie schon viele Generationen vor ihm bedient er sich derselben einfachen Mittel und spielt mit „Change Of Time“ einen Song, bei dem man sich fragt, wie es so lange dauern konnte, bis er geschrieben wurde. Nach und nach erweitert Ritter das einfache Grundmuster geschickt um weitere Instrumente, bis schließlich alles in einem Finale gipfelt, das sich an Intensität kaum überbieten lässt. Wenn sich am Ende die Worte “rough seas, they carry me wherever I go” den Weg an die Oberfläche bahnen, ist das so überwältigend, dass es einem fast den Atem nimmt.

Mit „The Curse“ schließt sich daraufhin eine Klavierballade an, die ebenfalls all die Qualitäten besitzt, die auch „Change Of Time“ auszeichnen, und wieder fragt man sich, wie Josh Ritter das nur macht. Es ist nicht nur das musikalische Gespür, das er über die Jahre hinweg verfeinert hat, es ist auch sein Talent zum Geschichtenerzählen, das auf „So Runs The World Away“ wieder besonders auffällt. Eine Mörderballade wie „Folk Bloodbath“ hat man so noch nicht gehört: wie Ritter es bei all den Zitaten schafft, dennoch emotional zu berühren – das ist Folk, wie er nicht besser sein kann. Selbst der obligatorische Rocksong „Lantern“ geht ihm unglaublich leicht von der Hand und hat einen Refrain zu bieten, der einen so schnell nicht wieder loslassen wird. Vom energisch stampfenden „The Remnant“ bis zum funkelnden „Orbital“ schöpft Josh Ritter im Weiteren alle Möglichkeiten aus, die ihm gegeben sind. „So Runs The World Away“ entpuppt sich nach und nach als kreativer Rundumschlag, der einen über seine gesamte Länge hinweg begeistert.

Man kann an diesem Album lange nach Schwachstellen suchen – man wird sie nicht finden. „So Runs The World Away“ ist ein emotional überwältigendes und intellektuell forderndes Album geworden, das die amerikanische Singer-Songwriter-Tradition pflegt und auf ein ganz neues Level hievt. Viele von Josh Ritters Musikerkollegen werden sich in Zukunft den Vergleich mit diesem Werk gefallen lassen müssen.

Kilian Braungart

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