Rezension

Ja, Panik

The Taste And The Money


Highlights: Thomas sagt // Swing Low, Sweet // Marathon
Genre: Indie-Pop-Rock
Sounds Like: Sportfreunde Stiller // Fotos // Ben Folds // Madsen

VÖ: 11.04.2008

Manchmal wäre diese Welt doch ein viel besserer Platz, wenn wir unser Verhalten nicht immer von diesen schrecklichen Vorurteilen leiten lassen würden. Exemplarisch dafür, dass auch ich nicht von diesem Mangel verschont bin: Ohne je einen Ton der Wiener Band mit dem schmucken Namen "Ja, Panik!" gehört zu haben, wurde sie von mir in die mit daumendicken Brettern zugenagelte Gar-nicht-erst-anhören-Schublade gesteckt - und das eigentlich nur aufgrund der Namensähnlichkeit zur ehemals als Nevada Tan bekannten Prä-Adoleszenz-New-Metal-Band "Panik". Dass "Ja, Panik!" ihrem Album zudem mit "The Taste And The Money" einen Titel gegeben haben, der aufgrund der expliziten Zahlungsmittelthematisierung spontan an HipHopper denken lässt, die ihren Hosenbund auf Meniskushöhe tragen, machte den Ersteindruck nicht besser - wäre eine Mischung aus Kindergebolze und Gangster-Geknödel für die typische Helga doch ungefähr so verlockend wie die Aussicht, sich während einer Cholera-Erkrankung nochmal schön die Beulenpest einzufangen. Von einem solchen Sound sind "Ja, Panik!" dann jedoch zum Glück weit entfernt und bieten stattdessen soliden deutschsprachigen Indiepoprock mit Wiener Schmäh.

Das Schlimmste an diesem Missverständnis ist wahrscheinlich noch, dass man J,P! im Gegensatz zu kuschelweichen Genrevertretern wie den Sportfreunden Stiller durchaus zutrauen könnte, einen für eine solche Fehleinschätzung mal gehörig vollzupöbeln. Dies ließe sich daraus folgern, dass sich die Wiener beispielsweise nicht zu schade sind, auch mal Gossenvokabular wie "Nutte" oder "Schwuchtel" in ihren Texten zu verwenden und auch hin und wieder mal ein ermutigendes Wollt' ich dich töten, hätt' ich es lange schon getan in den Raum (Roadmovie To...) zu werfen. Weiterhin nicht ganz alltäglich ist die verhältnismäßig große Aufmerksamkeit, die auf „The Taste And The Money“ dem Klavier geschenkt wird, das in Songs wie „Swing Low, Sweet“ und „Thomas Sagt“ geradezu hektisch (um nicht zu sagen: panisch) um die Ecke klimpert und so gar Assoziationen zu Ben Folds nicht ganz abwegig wirken lässt.

Ansonsten orientiert sich die Band aus der Hauptstadt Österreichs dann doch ziemlich eindeutig an jener aus der Hauptstadt Bavarias und verbindet mal flotte, mal gemächlichere, aber immer eingängige und gern tanzbare Melodien mit jovial-frechen Texten. Mit „Mein Lieber“ wird noch ein Akustikstückchen fürs Lagerfeuer eingestreut, hin und wieder wird sich zudem zwischendurch der englischen Sprache bedient. Dies hat zwar den Nachteil, dass sich der bundesdeutsche Hörer nicht mehr über den österreichischen Dialekt belustigen kann, führt so aber zu einem Song wie „Satellite Of Love“, der so herrlich cheesy ist, dass ihn Menschen mit Lactose-Allergie tunlichst meiden sollten.

Mit „The Taste And The Money“ legen Ja, Panik! ein Album vor, das – um es wenig kreativ einmal klar auf den Punkt zu bringen – all denen gefallen sollte, die Peter, Rüde und Flo auch vor und nach dem berüchtigten Sommer 2006 etwas abgewinnen konnten und die sich auch an Bands wie Fotos, Madsen, Angelika Express, Anajo, Hund am Strand (endlose Liste weiterer ähnlich klingender Bands bitte hier einfügen) erfreuen. Allen anderen werden sie ein weiteres Hass- oder zumindest Ignoranzobjekt bilden. Damit wäre eine Frage bezüglich Ja, Panik! bereits geklärt. Eine weitere überlebenswichtige Information für die Rezeption jeglicher österreichischer Musik gibt die Band auf dem vorletzten Track ihres Albums gleich selbst: „Wien, du bist ein Taschenmesser“ heißt es da. Und DAS wollten wir doch alle schon mal wissen.

Jan Martens

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