Rezension

Ja, Panik

The Angst And The Money


Highlights: Alles hin, hin, hin // Die Luft ist dünn // Dynamite // Blues Eyes
Genre: Indie-Rock
Sounds Like: Kante // Blumfeld // Tocotronic

VÖ: 25.09.2009

„The Angst And The Money“ ist Album Nr.1 von Ja, Panik nach ihrem Durchbruch mit dem ähnlich klingenden “The Taste And The Money”. Während letzteres vor allem die gehobenen Verhältnisse der Wiener Ausgehgesellschaft behandelt und reflektiert, dürften die von Wien nach Berlin umgezogenen Ja, Panik auf ihrem Neuling von der monetären Bedrohung durch die Wirtschaftskrise beeinflusst worden sein. „Taste“, in seiner unnatürlichen Form als selbstbestimmtes Symptom der Dekadenz wird durch den dem deutschen entlehnten Begriff der „angst“ ersetzt und leitet eine thematische Richtungswende ein.

Vielleicht. Denn eigentlich ist es doch egal, was Ja, Panik ausdrücken wollen, oder? Ist nicht „Form vor Inhalt“ ein Leitfaden für die Texte Andreas Spechtls? Jein. Denn auch wenn das „Cut Up“-Prinzip, das er bei Beatliteraten wie William S. Borroughs abschaute, der Überbau des Textlichen ist, so nützte doch die beste formale Gestaltung nichts, wenn es nichts Inhaltliches gäbe, das man hineinzupressen versuchte. Der Zitatpop, den Spechtl kreiert, bedient sich hauptsächlich in der Literatur und im Film und verfälscht und kürzt die Zitate solange, bis ihre Herkunft nicht mehr nachzuweisen ist und die feine Ausformulierung eines Ja,-Panik-Songs erreicht ist. Dabei sind die Grenzen zwischen Natur und Künstlichkeit nahezu verwischt. Das Besondere bei Spechtls lyrischer Finesse ist die scheinbare Ungezwungenheit, die ganz und gar nicht den Anschein langwieriger Entwicklungsphasen macht, sondern vielmehr aus einem Guss zu sein scheint. So bekommt die deutsche Sprache eine eigene Qualität als Sprache des Gesangs. Während in den letzten Jahren eine lyrische Anpassung deutscher Texte an die englischsprachige Musik stattfand, gehen Ja, Panik ihren eigenen Weg hier weiter und setzen bewusst auf das Kantige und Erdige der deutschen Sprache, die immer auch Einschüben englischer Wortkompositionen für kurze Zeit weichen muss.

Der Schrammelrock, den Ja, Panik seit ihrem Debüt vollführen, ist vermutlich das einzige Element des Gesamtkunstwerkes, das in jedem Moment authentisch ist und nur in soweit zitiert, wie es die Popmusik ab einem bestimmten Zeitpunkt vor vielen vielen Jahren tun muss, um zu existieren. Man kann sagen, dass auf „The Angst And The Money“ zum ersten Mal ein wirkliches Gegengewicht zur kopflastigen Rezeption der Texte gefunden wurde. Jedenfalls ist der Ohrwurmfaktor weit höher als auf den Vorgängern und auch wenn Ja, Panik weit entfernt vom Mainstream weiter ihr Künstlersüppchen kochen, kann man vorsichtig bestätigen, dass die Jungs hier die Lücke füllen, die Distelmeyers Ex-Band Blumfeld hinterlassen hat. Und wer jetzt versucht, direkte Parallelen zu ziehen, dem kann man nur mit Spechtl selbst entgegnen: »Ich bin ganz und gar nicht beeinflusst von anderer Musik, höchstens von Literatur. Außerdem bin ich viel zu jung für die Hamburger Schule.« (Zitat aus dem Interview in Spex #314)

Andreas Peters

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