Rezension

Enter Shikari

The Mindsweep


Highlights: The Appeal & The Mindsweep I // Anaesthetist // Never Let Go Of The Microscope
Genre: Post-Hardcore // Screamo-Pop // Crossover
Sounds Like: Hadouken! // Bring Me The Horizon // Limp Bizkit

VÖ: 16.01.2015

Als Enter Shikari 2007 mit ihrem Debüt „Take To The Skies“ auf der Bildfläche erschienen, sorgten sie für ein wenig Verwirrung. Wie ließ sich das nun wieder einordnen? Die Kombination aus Gitarren und aggressivem Gesang, ja, das kannte man, aber diese Synthesizer? Auch unser Autor Oliver Bothe rätselte, ob er das nun innovativ finden sollte oder doch eher nervig. Auf jeden Fall war es ein eigener Stil, Referenzen gab es keine.

Acht Jahre und drei Alben später sorgen die Briten wieder für Verwirrung, diesmal bei mir. Zwar greifen sie mit ihrem jüngsten Werk „The Mindsweep“ vieles auf, was die Band sich in der Vergangenheit erarbeitet und was sie ausgezeichnet hat: die jugendliche Energie und Naivität der Anfangstage, provokante Texte, elektronische Ausbrüche und nicht zuletzt Anleihen am Pop. Gleichzeitig wurde das Ganze nie so heterogen auf eine Platte gepresst wie im Januar 2015.

„The Mindsweep“ ist kein wirkliches Konzept-Album, ein roter Faden textlich wie musikalisch höchstens zu erahnen. Die zwölf Tracks wirken wie ein großes Experimentierfeld, klingen wie das Ergebnis der Suche nach der eigenen musikalischen Zukunft. Ein bisschen ist es beim Hören, als habe man an diesem Prozess des Suchens und Findens teil. Schon beim ersten Durchlauf ist der Sub-Genre-Mix auffällig. Wie im Schnelldurchlauf schieben sich Enter Shikari durch vieles, was in den letzten 15 Jahren produziert wurde, lassen es einfließen. Mal klingt für ein paar Takte Radiohead durch, dann ist da ein Basslauf, der an Muse erinnert; Anleihen am Frühwerk von dredg, als sie noch gut waren; Referenzen an diese komische Richtung, die sich Nu Metal nannte. Und ein ziemlich freches Plagiat eines System-of-a-Down-Songs.

Damit wir uns nicht missverstehen: Enter Shikari klingen immer noch ziemlich nach Enter Shikari. Ihre typischen Schreiarien, bei denen jeder mal ans Mic darf, die wütenden Gitarren und auch die Beats, sie sind alle noch da. Das markant unkonventionelle, weil arhythmische Songwriting haben sie sogar noch ausgebaut. Es ist nur so, als wollten die Jungs ausloten, in wie viele Spielarten sie ihren Signature Sound noch verpacken können. Dabei kommen dann auch mal Dinge heraus wie das punkrockige „The One True Colour“ oder die Ballade „Dear Future Historians“. Beide kurz davor, die eigene Musik zu karikieren.

Dass es soweit nicht kommt und „The Mindsweep“ eben nicht abdriftet, dürfte auch der Produktion geschuldet sein. Die ist nämlich überschaubar und das tut dem Album gut. Da sind zwar an manchen Stellen fette Einspieler (Big Beat, yeah!), dafür wurden die Stimmen weitestgehend so belassen, wie sie sind – nämlich nicht perfekt. Das ist angenehm, weil so das Anliegen der Band – ihre durchaus ernsten Texte – nicht konterkariert wird. Worum es darin geht, ist auf der einen Seite offensichtlich: das Gesundheitssystem („Anaesthetist“), den Kapitalismus („The Bank Of England“), den Krieg („The Last Garrison“). Auf der anderen Seite sind die Lyrics nicht einfach zu deuten.

Klar ist, dass der Versuch, sich in grundverschiedene Richtungen zu bewegen, unterschiedlich gut aufgeht. „The Appeal & The Mindsweep“ I und II sind klasse, „Anaesthetist“ ein knackiger Song, „Never Let Go Of The Microscope“ vielleicht der versierteste Track. „Myopia“, „The Bank Of England“ und vor allem das nervige „There's A Price On Your Head“ hingegen finden keine klare Linie. Trotzdem beweisen Enter Shikari, wie musikalisch vielfältig sie agieren können. 2007 hätte man ihnen das definitiv nicht zugetraut. Gut, da war der Proll-Faktor auch noch um einiges höher. Und heute? Da gibt’s Name-Dropping nur noch mit griechischen Philosophen.

Mischa Karth

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Never Let Go Of The Microscope

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