Rezension

Dirty Projectors

Bitte Orca


Highlights: Cannibal Resource // Temecula Sunrise // Stillness Is The Move // Useful Chamber
Genre: Indie // R n´B
Sounds Like: Of Montreal // Architecture In Helsinki // High Places

VÖ: 05.06.2009

Wer es immer noch nicht gemerkt hat: Brooklyn ist in den letzten Jahren zur Hauptschlagader guter Musik geworden. Ein riesiges Namedropping muss da gar nicht erst sein, wenn man sich mal vor Augen führt, dass mit Animal Collective und Grizzly Bear sich wohl zwei Bands um die Krone für das Album des Jahres streiten, die woher kommen? Richtig. Wundert also auch niemanden, dass mit den Dirty Projectors gleich die Nächsten aus Brooklyn von der Presse ins Titelrennen geschickt werden.

Obwohl die Dirty Projectors mehr oder weniger schon vier Alben veröffentlicht haben (immer in anderer Besetzung), nahm von der Band bisher kaum einer Notiz. Klingt auch erstmal ziemlich Porno, der Bandname. Da wir hier aber Musik besprechen und nicht irgendwelche Filmchen, müssen an dieser Stelle etwaige Erwartungen leider enttäuscht werden. "Bitte Orca" eignet sich dennoch bestimmt gut zum Liebe machen, vorausgesetzt man steht auf krasse Stellungs...äh...Stilwechsel und überraschende Tempoverschärfungen und probiert gerne mal häufiger was Neues aus.

Was die Dirty Projectors mit "Bitte Orca" abliefern, ist nämlich gleichermaßen innovativ wie verrückt. Man stelle sich mal vor, Usher würde zusammen mit The Flaming Lips ein Album aufnehmen, dann hat man eine ungefähre Vorstellung von dem, was einen bei dieser Platte erwartet. Die Frage, ob man hier der Begründung eines ganz neuen Genres beiwohnt, ist durchaus berechtigt. Die Geburtsstunde von Indie R n´B? Möglicherweise.

Das Geschehen konzentriert sich im Wesentlichen um die drei Stimmen der Band, die durch die sensationellen Gesangsarrangements allein die Platte wert sind. Dies sind der Bandkopf David Longstreth selbst, der wie eine Mischung aus eben dem Usher und Antony Hegarty klingt (sic!) und seine beiden bezaubernden Mitsängerinnen Amber Coffman und Angel Derodoorian, die auch auf dem Cover abgebildet sind. Musikalische Unterstützung gibt es meistens in Form einer schizophrenen Gitarre, die sich nicht entscheiden kann, ob sie nun indie-folkig klingen soll oder dissonant brutal dazwischengrätscht und einem Schlagzeug, das sich weigert, das gleiche Tempo länger als eine Minute zu halten.

Was nach einer kruden und wirren Mixtur klingt, ist es tatsächlich auch. Wobei "Cannibal Resource" mit seinen tollen Gesangsharmonien den Einstieg noch relativ leicht macht. Wer mit einem Drink zu "Temecula Sunrise" am Pool liegt, wird sich aber spätestens zum Refrain am Eiswürfel verschlucken, wenn plötzlich alles aus den Fugen gerät und die Gitarre wirklich fies am Trommelfell sägt. Krank aber geil, kein Zweifel. Auch "The Bride" wiegt zuerst in trügerischer Folksicherheit, nimmt dann aber mächtig an Fahrt auf und stolpert am Ende fast über sich selbst. Wem das zu viel ist, der erfreut sich eben über Nummern wie "Stillness Is The Move" oder "No Intention", die in einer besseren Welt todsichere Top 10 R n´B Hits in den USA wären.

Am besten sind die Dirty Projectors dennoch, wenn es so richtig verrückt zugeht. "Useful Chamber" ist sechseinhalb Minuten Wahnsinn. Ungefähr trölf Songs in einem und wer sich bis jetzt immer noch fragt, was es mit dem Albumnamen auf sich hat, der bekommt hier die Antwort: "Bitte Orca" klingt einfach strange und so das gesamte Album. Passender geht es kaum noch, genau wie Brooklyn und gute Musik. Hier wird Qualität eben noch groß geschrieben.

Benjamin Köhler

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