Rezension

Die Sterne

Flucht In Die Flucht


Highlights: Wo Soll Ich Hingehen? // Ihr Wollt Mich Töten // Der Bär // Wie Groß Ist Der Schaden Bei Dir?
Genre: Deutsch-Pop // Indie-Rock // Psychedelia
Sounds Like: Gang Of Four // Of Montreal // Tame Impala

VÖ: 29.08.2014

Bands, die länger als 20 Jahre zusammen musizieren, wandeln oftmals auf einem sehr schmalen Grat zwischen künstlerischer Integrität und musealer Reproduktion der eigenen Vergangenheit. Schaut man zurzeit beispielsweise auf den diffusen Kosmos der Hamburger Schule, so ist das unterschiedliche Bemühen um den Erhalt der Bedeutung des eigenen Werkes deutlich an zwei Bands aus der pulsierenden Anfangszeit dieser Szene erkennbar: Blumfeld und Die Sterne. Erstere lösten sich 2007 auf, finden sich jedoch in diesem Jahr wieder zusammen, um die eigenen Errungenschaften noch einmal auf der Bühne breitzutreten. Als Grund dafür genügt die Erinnerung an die Veröffentlichung des Albums „L'état et moi“ vor 20 Jahren – jenes Albums, welches zur Zeit der Veröffentlichung die Koordinaten deutschsprachiger Musik neu setzte. Diesem Umstand kann natürlich Beachtung geschenkt werden, jedoch stellt sich die Frage, ob von einer Band ohne Zukunft derart explizit darauf hingewiesen werden muss, indem eine Handvoll Konzerte mit aufgewärmten Hits gespielt werden und die Bedeutung der eigenen Kunst in der Retrospektive ins Groteske erhöht wird.

Über all dies werden Die Sterne im Proberaum wohl noch nie diskutiert haben. Eine Retrospektive braucht in dieser Band niemand. Sie spielen einfach ihre Instrumente und bleiben damit auch nach mehr als zwei Dekaden mit immer neuen Wendungen spannend. So auch auf ihrem aktuellen, zehnten Album „Flucht In Die Flucht“, auf dem sie so direkt klingen wie schon lange nicht mehr. Nach den Ausflügen in die Disco mit dem 2010 erschienenen Album „24/7“ ist nun wieder klassische Bandinstrumentierung angesagt. Diese klingt, wie Die Sterne eben schon immer klangen. Dann wiederum in vielen hellen Momenten sehr frisch, wenn sich etwa plötzlich der Funk zwischen die dröge gesungenen Textzeilen schiebt („Mein Sonnenschirm Umspannt Die Welt“), die Musik wie der Soundtrack eines guten Westerns wirkt („Ihr Wollt Mich Töten“) oder psychedelische Klänge die Grundstimmung des Albums bilden. Das beständige Experimentieren – genau das ist die Kunst, die diese Band seit Jahren von vielen anderen ihres musikalischen Umfeldes abhebt und sie davor bewahrt, nur noch mit den eigenen Schatten zu tanzen.

„Flucht In Die Flucht“ muss daher nichts mehr unter Beweis stellen, die Texte müssen nichts mehr verteidigen. Es geht einmal mehr um den direkten Angriff – einen Angriff auf die Übel des täglichen Lebens. Immer mehr Menschen stoßen mittlerweile beim puren Versuch, ihr Leben zu bewältigen, an ihre Grenzen. Diese Situation des Dauerdrucks sei die Situation, wo ihre Platte einsetzt, so Frank Spilker.

Wie mittlerweile allseits bekannt, beginnt dieser Dauerdruck für Menschen, die in Hamburg leben, erst einmal mit steigenden Mieten („Innenstadt Illusionen“) und führt in Spilkers Texten von bloßer Kritik am Bestehenden weiter zu neurotischen Zuständen der Angst. Diese Angst wird jedoch direkt wieder gekontert und mit furchtloser und resignierter Kapitulation versucht zu verdrängen („Ihr Wollt Mich Töten“). Immer wieder werden dabei Situationen ohne Auswege beschrieben. Textlich dreht es sich dabei um scheinbar Altbekanntes: die Gesellschaft der Anderen, die beständigen Zwänge und dazwischen das eigene Ich, das immer noch eigentlich einfach nur raus aus dem ganzen Getöse möchte. Aber warum auch nicht, denn „so lange die Verhältnisse gleich bleiben, kann es auch gar nicht anders sein, als dass man sich auf ähnliche Art dazu äußert“, argumentiert Spilker.

Über allem steht jedoch die Frage, wo denn der kritische, rebellische Geist, der nun bei den Sternen ja auch schon auf die 50 zugeht, dann noch bleiben soll, wenn die Verhältnisse die alten sind und auch die Kritik nicht mehr wirklich neu ist. Diese Frage formuliert bereits das erste Stück „Wo Soll Ich Hingehen“ und legt damit die Weichen für alles Folgende: „Wie lange muss das Leben warten, worauf soll man es verschieben? Und: Wenn man es nur aus der Ferne kennt, wie soll man es dann leben? Wo kann ich hingehen um Ich zu sein? Ist es unmöglich, sich zu befreien?“

Der Versuch der Befreiung, die Flucht in die Flucht, ist also das zentrale Thema, das in zwölf Liedern aus verschiedensten Perspektiven betrachtet und mit einer erstaunlichen Fülle an pointiert vorgetragener Lebenserfahrung bestückt wird. Dass es dabei auch musikalisch durchgängig spannend bleibt, macht dieses Album zu einem kleinen Meisterwerk. Nicht zuletzt die Psychedelia-Anleihen in Liedern wie „Hirnfick“ und dem herausragenden „Der Bär“, welche einen unerwarteterweise auch mal an Bands wie Tame Impala denken lassen, zeigen erneut die Bandbreite der musikalischen Ideen dieser Band.

So bleiben Die Sterne also ihrem freudigen Experimentieren ohne Zweifel treu. Wo das hinführt, wissen sie natürlich selber: "Vielleicht haben wir es nie an die Spitze geschafft, weil es bei uns keine Kontinuität gibt", so Bassist Thomas Wenzel. Doch lieber nach 20 Jahren noch wunderbare Popsongs schreiben, als halb ergraut die eigene Vergangenheit zelebrieren, oder?

Andreas Zimmermann

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