Rezension

Deerhoof

Friend Opportunity


Highlights: The Perfect Me // The Galaxist // Whither The Invisible Birds?
Genre: Indie // Progressive Pop // Noise
Sounds Like: The Unicorns // The Fiery Furnaces // Islands

VÖ: 26.01.2007

Wir alle haben Bekannte, die mit unserem Musikgeschmack nichts, aber wirklich gar nichts anfangen können. Nachbarn oder Verwandte, die die Musik, die wir hören, teilweise sogar abnormal und bedenklich finden. Die neueste Deerhoof ist eine weitere CD, die dieses Bild verstärken kann. Eine panische CD - voll von Gerumpel, Gequietsche und Geplärre. Am besten profilaktisch vorher schonmal ein, zwei Kopfschmerztabletten werfen.

Hauptverantwortlich für die sonst eintretenden Kopfschmerzen ist Frontfrau Satomi Matsuzaki, geboren in Japan, die 1994, kurz nach der ersten Veröffentlichung der damals nur aus zwei Califoniern bestehenden Gruppe, Deerhoof zur Band hinzustoß. Ihr ausgefallener, gar kindgleicher Akzent ist es, der aus potentiellen Rufus Wainwright-Meisterstücken wie "Whither The Invisible Birds?" für Herz und Körper wirklich schwer definierbare Lieder macht. Doch auch Greg Saunier, Chris Cohen und John Dieterich, die Deerhoff anno 2007 vollzählig machen, steuern einen gehörigen Teil zum ausgefallen Gesamtklangbild bei. Die meiste Verantwortung der drei genannte trägt dennoch nur einer. Greg Saunier war schließlich als einziger bei der eigentlichen Bandgründung 1991 dabei und ist somit für ihren hyperexpressiven Stil verantwortlich, der aus einer Notsituation heraus entstanden ist. Würdet ihr einfach das Handtuch schmeißen, wenn kurz vor Beginn der lang geplanten Tour urplötzlich jeder mit Ausnahme des Bassistens die Band verlässt? Greg Saunier und sein langjähriger Kumpel Rob Fisk dachten nicht im Traum daran. So wurde über Nacht aus der Metallband Nitre Pit, die nun schon gute 15 Jahre bestehende Pop-Art-Noise-Rockband Deerhoof.

Passend chaotisch zu ihrem Sound oder ihrer Gründungsgeschichte haben sich Deerhoof auch etwas für das Artwork von "Friend Opportunity" ausgedacht. Nicht einmal hier hat der Käufer leichtes Spiel. Zwar wird er nicht mit einem gigantischen Stickerset und einem leeren Cover unter die höchst mögliche Entscheidungsschwierigkeit seines Lebens gestellt (soll auch gelegentlich vorkommen), doch viel leichter ist es auch nicht sich zwischen den unzähligen teils sehr skurilen Front- bzw. Innencovern zu entscheiden. Ganz richtig verstanden, statt herkömmlichen Booklet mit eventuell Lyrics oder Ahnlichem, besteht dieses aus genau sechs beidseitig bedruckten Folien, deren Darstellungsweite von krakeligen Schriftzügen bis zu Bestandsaufnahmen zweier, nunja, nennen wir sie einfach Monster, beim Geschlechtsverkehr reichen. Jetzt ratet mal, in welcher Ausführung die CD im Hause Weinreich liegt.

Auch wenn die Beschreibung der Gestaltung, die Beschreibung der Musik fast überflüssig macht, sollte sich wenigstens ein Teil einer Musikrezension darum kümmern. Einfach ist es nicht. Kurz meint man eine CD für gestandene The Mars Volta-Fans gefunden zu haben, wenige Momente später muss man sich Deerhoof unfreiwillig im Tigerenten-Club performend vorstellen. Mit Ausnahme vom letzten Stück dauern alle Lieder nur schlappe drei Minuten abwärts, wobei sie jeweils mit Ideen für ganze Alben bepackt sind. Ein ständiger Wechsel verschiedener Musikstile innerhalb eines Liedes sind keine Ausnahme, sondern Regel. Ihr wisst, um was für Musik es sich handelt.

"Deerhoof ist zu sehr "Pop" für das Noisepublikum und zu sehr "Noise" für das Poppublikum." Eine Aussage, der man durchaus zustimmen kann. Man sollte aber unter keinen Umständen vergessen, dass es zwischen Noise- und Poppublikum noch eine Hand voll Leute gibt, die genau das an Bands wie Deerhoof lieben.

Paul Weinreich

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