Rezension

Casper

XOXO


Highlights: Der Druck Steigt (Die Vergessenen Pt. 1) // Michael X // Alaska // Kontrolle/Schlaf // Auf und davon
Genre: Hip Hop // Post-Indierock
Sounds Like: Prinz Pi // How To Dress Well // Atmosphere // Marteria // Die Orsons

VÖ: 08.07.2011

/Emotion aus./
Da ist das Ding. Die wohl am sehnlichsten erwartete deutschsprachige Platte in 2011 ist raus und Feuilleton, Blogs und Foren, Facebook-Freunde und Twitter-Follower überschlagen sich: mit Lob.

Doch erstmal alles auf Anfang: Vor drei Jahren brachte der Bielefelder Rapper mit „Hin Zur Sonne“ eine Platte raus, die schon anzudeuten schien, dass der Junge wahrlich frischen Wind in ein verstaubtes Genre bringen könnte. Emotionale Texte, lyrische Finesse und diese vom Hardcore geprägte, leicht belegte Stimme, die ohne Frage das Potenzial zur Polarisierung hat, brachten ihm schnell das Prädikat des Emo-Rappers ein. Ansonsten fand das tolle Debüt, das mittlerweile nicht mehr zu erwerben ist, kaum Anklang. Die Zeit war einfach noch nicht reif. Erst der Umzug nach Berlin, Kooperationen mit Prinz Pi und Marteria und eine lange musikalische Orientierungsphase läuteten eine Kehrtwende ein.

Und dabei standen die Zeichen für Caspers Zweitling gar nicht so gut. Denn wie so viele hätte auch Casper sein Album über den Zenith seines Hypes hinauszögern können (schließlich dauerten die Arbeiten an der Platte über 1 Jahr) und es wäre in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Ihm war das egal, denn sein Anspruch war kein geringerer als der, eine Platte zu machen, mit der er sich identifiziert, die seine Persönlichkeit, seine musikalische Sozialisation widerspiegelt und auf die er auch noch in Jahrzehnten stolz sein kann.

Jetzt ist die Platte unter dem Namen „XOXO“ erschienen und beweist, dass hinter den sechs Lettern seines Namens weit mehr steckt als ein kurzlebiger Hype. Allein der Titel ist eine ironische Verbeugung vor der radikalen Minimalisierung menschlicher Emotion im Zeitalter des Social Webs. Casper schafft es, seine Lebenssituation und viel mehr noch das Gefühl einer ganzen Generation mit einer lyrischen Feinheit zu verpacken, die, frei von plumper Wortspielerei, große Momente in schöne Metaphern zu verpacken weiß.

Der Druck steigt, Atem blockiert //
Wir scheitern immer schöner, sind Versager mit Stil //
Haben nicht viel. Ausgenommen Leitfiguren. Auf davon!
Sind nicht schön, sind nicht reich, wird harter Kampf da rauszukommen //
Graubeton – Wände vor funkelndem Licht //
Tragen schwarz, jeden Tag, bis es was dunkleres gibt //

Hedonismus mal anders. Damit reiht er sich nahtlos ein in die Riege der anspruchsvolleren Vertreter des Genres.

Doch „XOXO“ erreicht noch viel mehr. Die Kunst des Samplings wird hier ad absurdum geführt. Statt olle Rap- oder Funksamples zu verhackstücken und mit rumpelnden Beats zu versehen, bedient sich Casper der Musik, die ihn geprägt hat und schafft somit eine nie für möglich gehaltene Symbiose aus Rap, Post-Rock und Indie-Pop. Hier und da, das muss zugegeben werden, klopft der Pathos mit seinen triefenden Fäustlingen an die Tür dieses Meisterwerks, darf jedoch höchstens mal durch den Türschlitz spinsen.

/Emotion an./
Casper trifft voll ins Herz, mit fast jeder seiner Zeilen, die er glaubhaft und leidenschaftlich zelebriert, kommen Gefühle auf, die sich in dieser Konstellation nur selten finden lassen: Wehmut, Traurigkeit und Melancholie über das, was hätte sein sollen und niemals mehr werden wird, treffen auf Aufbruchsstimmung, Hochmut und das Gefühl einer kurzzeitigen, jugendlichen Unbesiegbarkeit. Er thematisiert die Themen, die unsere Generation in diesen Zeiten umtreiben, so glaubhaft, dass man mit jeder Silbe spürt: er ist Teil dieser Generation und teilt die Probleme, Sorgen, aber auch das Hochgefühl und die Leichtigkeit.

Und wenn dann bei „Michael X“, einem Song über einen verstorbenen Freund, eine Träne einsam über die Wange kullert und man sich dafür nicht schämen mag, es einfach egal ist, dann weiß man: diese Platte, dieser Typ, all das, was da passiert, ist etwas ganz, ganz Besonderes.

Andreas Peters

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Video zu "Der Druck steigt/Blut sehen"
www.tape.tv
Video zu "So perfekt"

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